Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 4)
Gisi war verknallt. So richtig verknallt. Und dann fiel ihm auf, daß er sich keinen Gefallen damit tat, wenn er weiterhin auf dem schönen Kevin herumhackte, so sehr er ihn auch verabscheute. Denn wenn er weiter auf Kevin herumhackte, was diesem im übrigen nur recht geschah, mußte er damit rechnen, daß Kevin sich bei Loretta über ihn beschwerte. Und das würde seine Chancen bei ihr auf ein Minimum reduzieren... So sehr es ihm auch widerstrebte, zuerst mußte er zusehen, daß Kevins Ruf am Fachbereich wieder besser wurde. Und zuerst würde er mit Johansson reden.
Was gar nicht so leicht ist. Johansson gehörte zu jener Spezies Lehrkräfte, die sich eigentlich ganz der Forschung hingeben wollen würden, zumindest manchmal. Jedenfalls war es fast unmöglich, ihn außerplanmäßig zu sprechen, wenn man nicht gerade sein Lieblingsstudent, Fields-Medaillenträger, seine Raumpflegerin oder seine Sekretärin war. Auf Gisi traf keines der vier zu, den Raumpflegejob hatte er entnervt aufgeben müssen.
Unter den mitleidigen Blicken der in diese Gänge verdammten Sekretärinnen—hierher verirrten sich selten Studis—klopfte er nervös an Johanssons Bürotür, die unvermittelt sogleich aufsprang.
"Ahh, guten Morgen, Herr Gregorius, kommen Sie herein. Was treibt Sie denn in meine Arme?" Eine solch fröhliche Begrüßung hatte Gisi nicht erwartet, erst recht nicht von Johansson. "Ihre überfällige Seminararbeit? Die heutige Kommissionssitzung? Oder vielleicht ein neues Gerücht, das dem Kaffeekollektiv entgangen ist?" Gisi bekam es mit der Angst zu tun, dieser Mann stand gewiss unter Drogen.
"Ich, äh, also, ich, äh,..." stammelte Gisi.
"...bin außer mir. Sagen Sie es ganz langsam, und vergessen Sie nicht, zwischendurch zu atmen." Johansson klang dabei kein bißchen fies, wie er es sonst zu tun pflegte, er schien es ernst zu meinen. Gisi versuchte zu fliehen, aber er stand regungslos vor Johansson wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange—nur dass Johansson als gefährlicher galt. "Ihr letztes Gerücht, ein Meisterstück, würdig einer antiken griechischen Komödie. Und wissen Sie, was das beste daran ist?"
"N-n-äh-n-nein." Oh Gott, dachte Gisi, ich werde wieder zwei Jahre zum Logopäden müssen, wenn ich hier jemals lebend rauskomme.
"Es ist kein Gerücht! Es ist die reinste Wahrheit, Schmieke-Heinrichs ist einfach süüüüß. Und weil es die Wahrheit ist, wird es Ihnen auch niemand glauben." Das war einfach zuviel. Gisi war ja einiges gewohnt, wenn es um Gerüchtestrickerei ging, aber Johanssons Offenbarung war einfach zu viel für ihn. Er beschloss, dass es keine Schande sei, wenn er jetzt in Ohnmacht fiele. Schluchzend brach er zusammen und in eine tiefe Bewußtlosigkeit.
Na wunderbar, da hab ich mal wieder was für meinen guten Ruf getan, dachte Johansson vor sich hinsummend. Aber heute konnte ihm nichts die Stimmung vermiesenen, denn Ludwig kam, sich vorzustellen.
Die Tür öffnete sich, und ein trat der wissenschaftliche Mitarbeiter Claudius Strohalm.
"Ah, der Herr Strohalm", sagte Johansson zynisch.
"Was ist denn hier los?" fragte Claudius entgeistert, als er den auf dem Boden liegenden Gisbert sah.
"Der junge Mann hatte einen kleinen Schwächeanfall", sagte Johansson ungerührt und widmete sich weiterhin der Betrachtung von Ludwig Reimers Konterfei.
"Sie können den Herrn doch nicht einfach so hier liegenlassen", sagte Claudius empört und beugte sich hinunter zu Gisbert, um ihm Erste Hilfe zu leisten. erste Hilfe war Claudius' ganze Leidenschaft, er leistete sogar Leuten erste Hilfe, die gar nicht verletzt waren.
"Der kommt schon wieder zu sich", brummte Johansson.
Und so war es auch. Gisbert schlug die Augen auf und sah als erstes Claudius über ihm.
"Neiiiiin", brüllte er, "ich hab doch gar nichts gemacht!"
"Sag ich doch auch gar nicht", sagte Claudius verunsichert. Aber dann fiel Gisi wieder ein, was Johansson ihm vor seiner Ohnmacht verklickert hatte. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz um und türmte. Bloß weg hier.
Claudius sah Johansson an.
"Was um alles in der Welt haben Sie denn mit dem gemacht?" fragte er.
"Nix", sagte Johansson. "Der spinnt nur ein bißchen, das ist alles."
Arschloch, dachte Claudius. Aber Johansson war sein Doktorvater, also hielt er die Klappe. Zum wiederholten Mal fragte er sich, wie er auf die kamikaze-artige Idee gekommen war, ausgerechnet bei der unbeliebtesten Person am Fachbereich seine Doktorarbeit schreiben zu wollen.
"Wollten Sie noch was?" fragte Johansson.
Claudius schüttelte den Kopf und schloß die Tür hinter sich.
Wie ferngesteuert rannte Gisbert durch die Gänge des Instituts, nicht wissend, wohin er lief. Hauptsache weg von hier. Das war alles ein wenig zu viel für ihn. Erst diese Lusche Löber, der so weinerlich war, dass er jede sich bietende Gelegenheit verstreichen ließ, selbst wenn sie laut "Ergreife mich!" schrie. Dann die herzzerreißende Liebesszene in Schorschs Flur, von der er lieber ein paar Details weniger mitbekommen hätte (auch wenn Gisi nicht leugnen konnte, dass der Anblick von Kevins Adonis-Körper ein sehr schöner war). Und da war sie – Loretta! Diese Frau war einfach..., also Gisi war hin und weg. Er war von ihr magisch, oder magnetisch, angezogen. Für sie würde er alles tun, sogar den Ruf ihres Mitbewohners Kevin wieder her zu stellen. Der Versuch hatte ihn allerdings viel, vielleicht zu viel gekostet.
Diese und ähnliche Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, während er nun durch die Straßen der Stadt irrte. Ziellos. Allein. Einsam. Verwirrt.
Schorsch saß in Kunigundes Zimmer auf dem Bett und heulte sich nach wie vor die Augen aus dem Kopf.
"Jetzt sach mir doch mal", schluchzte er, "was hat denn dieser blöde Ossischönling, was ich nicht habe?"
Kunigunde verdrehte mit einer Mischung aus Genervt- und Verträumtheit die Augen.
"Klasse. Ausstrahlung. Blonde Haare. Sexysein. Tolle Figur. Das gewisse Etwas....", sagte sie.
Schorsch schnaubte.
"Ja, toll. Aber mal abgesehen von Klasse, Ausstrahlung, blonden Haaren, Sexysein, toller Figur und dem gewissen Etwas - WAS hat er, was ich nicht habe???"schrie er.
Kunigunde schwieg.
"Siehste", sagte Schorsch, "sonst fällt dir auch nichts ein."
Damit ging er auf Kunigunde zu und wollte sie küssen.
"Spinnst du?" schrie Kunigunde. "Ich will nichts von dir! Du bist ja total krank! Kein Vergleich zu Kevin!"
"Kevin ist auch krank", sagte Schorsch.
"Ist er nicht!" fauchte Kunigunde.
"Doch, ist er wohl!" sagte Schorsch. "Kuni, möchtest du heute abend mit mir ausgehen?"
"Die Frage hab ich nicht gehört", sagte Kunigunde.
Schorsch stand ohne ein Wort auf und ging hinaus. Suchte aber nicht sein eigenes Zimmer auf, sondern klopfte an Lorettas Tür. Hier war professionelle Hilfe gefragt.
"Komm rein, Schorsch." Woher wusste sie eigentlich, dass er es war? Manchmal war ihm Loretta einfach unheimlich. Nun doch etwas zögerlich betrat er Lorettas Zimmer.
"Wurde aber auch Zeit, dass Du bei mir reinschaust. Und weißt Du was? Du hast ein Problem!" Schorsch schluckte, jetzt hatte er nicht nur EIN Problem, sondern sicherlich ein ganz großes Problem.
"Ehrlich gesagt, Du hast nicht nur ein Problem, sondern viele Probleme," fuhr Loretta fort. "Aber setz Dich doch erst Mal," meinte sie und verwies ihn auf ihr großes, rotes Sofa, auf das er schwächelnd fiel.
"Sie liebt mich nicht,"schluchzte Schorsch kaum verständlich und brach in einen neuen Tränenstrom aus.
"Natürlich nicht, was dachtest Du denn? Dass sie es toll findet, wenn Du heimlich ihren Wäscheschrank durchstöberst?" Schorsch blickte völlig verstört zu Loretta auf, woher wusste sie das denn schon wieder.
"Aber ich hab doch..." stammelte er.
"...nur mehr über sie erfahren wollen." fiel ihm Loretta ins Wort. "Georg, Dir gehört Mal gehörig der Kopf gewaschen. Right here, right now. Wenn Du schon Deiner Angebeteten hinterspionierst, dann solltest Du das richtig machen, nicht so dilettantisch." Schorsch schnappte nach Luft. Nicht nur, dass sie ihm den Todesstoß geben wollte, wo er doch eh schon ganz unten war, nein, sie nannte ihn auch noch bei seinem amtlichen Namen, das machten nicht einmal die Verwaltungsangestellten im Immatrikulationsbureau.
"Ich kenne jede Diele in dieser Wohnung samt ihres charakteristischen Knarzens. Und wenn Du schon in Kunis Zimmer schleichst, mach wenigstens die Tür hinter Dir zu." Irgendwie tat Schorsch ihr ja leid, aber es musste sein. Wie sollte sie sonst einen neuen Menschen aus dieser Hülle hervorzaubern?
"Also", sagte Loretta, "was genau hattest du an ihrem Wäscheschrank zu suchen? Und glaub nicht, daß ich nicht weiß, daß du nicht nur im Schrank geguckt hast!"
Schorsch hatte seine liebe Mühe, diesen mit Verneinungen gespickten Satz zu entschlüsseln, als es ihm endlich gelungen war, lief er dunkelrot an. Loretta wurde ihm langsam unheimlich.
"Was meinst du damit?" versuchte er Zeit zu gewinnen.
"Georg, verkauf mich doch nicht für dumm!" sagte Loretta energisch. Schorsch zuckte zusammen. Schon wieder. Zweimal innerhalb einer Viertelstunde Georg genannt zu werden war ihm zuletzt auf dem Standesamt bei seiner Geburt passiert, und nicht mal daran konnte er sich noch erinnern.
"Ich weiß genau, daß Kunigunde nach deinen ungebetenen Besuchen immer mal wieder welche von ihren Spitzenslips vermißt hat. Du weißt nicht zufällig was darüber?"
Statt einer Antwort errötete Schorsch noch tiefer, wenn das überhaupt noch möglich war.
"Aha", sagte Loretta trocken. "Jetzt hör mir mal genau zu: Du läßt in Zukunft die Finger von Kunis Wäscheschrank, ok?"
"O - ok", stotterte Schorsch, "soll ich ihr denn die anderen Slips wiedergeben?"
"Wäre anzuraten", sagte Loretta trocken.
"Ich kauf ihr auch gleich ein paar neue!" sagte Schorsch eifrig.
Loretta verzog das Gesicht. Eigentlich erstaunlich. Sie hätte nie gedacht, daß Kunigunde überhaupt wußte, was ein Spitzenslip war, geschweige denn welche besaß.
"Danke, Loretta", sagte Schorsch und verzog sich in sein Zimmer, um dort zum letzten Mal seine ganz private Kunigunde-Spitzenslip-Sammlung zu inspizieren. Es brach ihm fast das Herz, wenn er daran dachte, daß er die duftigen Wäschestücke, die so gut nach Kunigunde rochen, nun zurückgeben sollte.
"Schorsch," rief Loretta ihm hinterher, aber zu spät. Nun gut, Kunigunde wäre wohl als nächste dran, zusammengestaucht zu werden, bevor Kevin an die Reihe käme. Und wie sie Kuni kannte, würde es nicht allzu lang dauern. Drei – zwei – eins: "Komm rein, Gundel."
"Moin Loretta," sagte Kuni beim Eintreten, "Du wolltest mich sprechen?"
"Das kann man wohl sagen." Kuni verzog das Gesicht, unter anderem auch weil Loretta sie Gundel genannt hatte, das verhieß nichts Gutes. "Mach die Tür hinter Dir zu, setz Dich, schlürf 'nen Tee. Und dann hör zu." Das saß, wenn Loretta so geschäftsmäßig zu Gange war, war mit ihr nicht zu spaßen. Und zumeist hatte sie einen echt guten Grund. "Ich hab zwar nicht die ganze Show mitbekommen, aber so ganz unschuldig daran bist Du wohl nicht, oder?"
Schweigen. Langes Schweigen.
"Gundel, ich rede mit dir", sagte Loretta.
Kunigunde lief rot an.
"Er ist doch soooo... sooooo...." stotterte sie.
"Wer?" fragte Loretta. "Schorsch?"
"Ach was, doch nicht Schorsch!" schnaubte Kunigunde.
"Dann also Kevin", sagte Loretta. "Wieder mal."
"Und?" fragte Kunigunde schnippisch.
"Hör mal, meine Liebe, findest du nicht, daß du ihn endlich mal in Ruhe lassen solltest?" fragte Loretta.
"Wen?" fragte Kunigunde dämlich.
"Du weißt genau, wen ich meine. Was genau ist heute morgen passiert?"
Kunigunde wurde rot wie ein Glas bester Bordeaux.
"Ist das nicht offensichtlich?" fragte sie zaghaft.
"Ich will es von dir hören", sagte Loretta unbarmherzig.
"Nun", sagte Kunigunde, plötzlich grimmig entschlossen zur Flucht nach vorne, "er hat telefoniert und hatte mal wieder nur ein Handtuch um die Hüften. Daraufhin hab ich mich ein bißchen hübsch gemacht, und als ihm das Handtuch runtergefallen ist, habe ich versucht, ihn zu verführen."
"Und?" fragte Loretta.
"Was, und?" gab Kunigunde zurück.
"Hat's geklappt?"
"Klar hat's geklappt", sagte Kunigunde stolz. "Ich war dem Mann meiner Träume so nahe wie nie zuvor! Wenn ich Glück habe, bekomme ich jetzt ein Kind von ihm."
Loretta starrte sie an und fing plötzlich schallend an zu lachen. Kunigunde wurde ganz anders, wenn das überhaupt noch möglich war.
"Kuni, die einzige, die heute ein Kind von Kevin empfängt, bin ich. Vielleicht noch meine Schwägerin Rike – und die verhütet." Ein breites Lächeln legte sich über Lorettas Gesicht, wohingegen Kuni verwirrt dreinschaute. "Jetzt guck nicht so blöde. Deine Periode fällt zufälligerweise immer mit meinem Putzdienst im Bad zusammen. Daraus kann man, ich zumindest, extrapolieren, wann deine fruchtbaren Tage sind. Und die sind ganz bestimmt nicht heute!" Kuni fiel die Kinnlade runter, sie begann wie ein Fisch an Land nach Luft zu schnappen. Loretta legte ihre Hand tröstend auf Kunis Schulter.
"Alle meine Träume, nur eine Seifenblase, die zerplatzt..." schluchzte Kunigunde in das Taschentuch, das Loretta ihr ins Gesicht hielt.
"Ehrlich gesagt, sei froh!" warf Loretta ein. "Zum einen wäre ein Kind jetzt ungefähr das letzte, was du gebrauchen kannst. Zum anderen ist Kevin nun wirklich nicht der strahlende Held, für den du ihn hältst."
"Und dann betrügt er mich auch noch mit dieser liederlichen Zicke Friederike."
"Stop!" Loretta konnte nur mühsam ihren Zorn unterdrücken, auf ihre Lieblingschwägerin ließ sie nichts kommen. "Rike ist nicht zickig und schon gar nicht liederlich!! Nur weil sie nen Kerl schon mal schneller in die Wüste schickt, als der denken kann... Kunststück. – Und weder rein technisch noch irgendwie sonst hat Kevin dich betrogen."
"Aber er hat mich doch geliebt..."
"Gundel, werd erwachsen!!! Er hat dich nicht geliebt, er hat im besten Fall 'Liebe gemacht' und nichts anderes." Mit diesen Worten schüttelte sie die angesprochene leicht. "So wie du dich gerierst, können sich nur Wahnsinnige in dich verlieben. Aber was anderes: Es war dein erstes Mal?"
Kunigunde zuckte zusammen. So direkt brauchte Loretta nun wirklich nicht zu werden!
"So direkt brauchst du nun wirklich nicht zu werden!" beschwerte sie sich.
"Ach Kunilein", säuselte Loretta, "ich kenn dich doch viel besser als du dich selber."
Kunigunde zuckte die Schultern. Da war was dran. Immerhin sagte Loretta nicht mehr Gundel zu ihr.
"Also, was jetzt?" bohrte Loretta nach. Kunigunde sah sie fragend an.
"Hat er dich jetzt entjungfert oder nicht?"
Kunigunde druckste herum und sagte dann: "Hmmm... also... nicht so richtig..." Loretta starrte sie entgeistert an.
"Was heißt da 'nicht so richtig'?"
"Na ja", sagte Kunigunde, "in der zehnten Klasse, da habe ich irgendwann auf einer Fete mal Waldemar Meckermeister geküßt. Aber das gilt wohl nicht, oder?"
"Waldemar Meckermeister?" gluckste Loretta. "Mein Gott, wie besoffen warst du denn da?"
"Gar nicht besoffen!" verteidigte sich Kunigunde. "Aber er war ziemlich besoffen, deshalb habe ich auch nur seine Wange erwischt."
Aua, dachte Loretta. Wenn sie jetzt noch einen Satz sagt, dann breche ich wirklich zusammen. Sie mußte sich selber für ihre ungewöhnliche Selbstbeherrschung bewundern, denn ohne auch nur mit den Mundwinkeln zu zucken sagte sie: "Kuni, jetzt hör mir mal zu. Vergiß mal deine Waldemar Meckermeisters und Kevin Schmieke-Heinrichses. Es gibt noch andere Söhne schöner Mütter. Und die warten nur auf dich! Also, mach dich hübsch und erober die Welt, ja?"
Kunigunde errötete zart wie eine junge Rose, stand lächelnd auf und verließ das Zimmer.
"Ach, Kuni?" rief Loretta hinter ihr her.
"Was?" Kunigunde drehte sich herum.
"Woher hast du eigentlich diesen umwerfenden Tigerbody?"
* * *
Heißes Wasser prasselte auf ihn hinab, dichte Schwaden von Dampf umhüllten ihn. Welch eine Wohltat dachte Kevin, als er die Ereignisse des Vormittags noch einmal Revue passieren ließ. Nie wäre es ihm in seinen wildesten Träumen in den Sinn gekommen, dass er jemals mit seiner etwas unterbehübschten Mitbewohnerin den Austausch von Körpersäften vornähme. Grundgütiger, warum musste er ausgerechnet Kuni seiner Sammlung nicht immer ganz freiwilliger Sexualkontakte hinzufügen? Um sich dann dabei auch noch vom Rest seiner WG und seinem Erzfeind Gisbert Gregorius ertappen lassen. Und als ob das nicht schon genug wäre, lag noch ein hammerharter Tagesrest vor ihm, von der bevorstehenden Konfrontation mit seiner nun-wohl-doch-nicht-künftigen Freundin Friederike nicht zu reden. Was er sonst immer so leicht hinwegwischen konnte, dafür reichten heute Wasser und das Axt-Duschgel nicht aus, er würde wohl jemanden zum Ausheulen brauchen. Mist! Rike kam dafür leider nicht in Frage, die klang nämlich am Telephon ungewöhnlich ungehalten.
"Kevin, mach auf. Ich brauch noch etwas warmes Wasser zum Spülen." O Gott, hörte das denn nie auf? Nur widerwillig verließ Kevin die wohlige Wärme der Duschkabine in Richtung Badezimmertür.
"Loretta, kann das Geschirr nicht bis morgen warten?"
"Das Geschirr schon," entgegnete selbige verschmitzt, als sie eintrat, "Deine Gardinenpredigt nicht."
"Mein Gott, dann mach halt", knurrte Kevin. Schweigend ließ Loretta warmes Wasser einlaufen. Kevin wollte sich wieder in die warme Dusche verziehen, nur war die Dusche leider gar nicht mehr warm.
"Verdammt nochmal, Loretta, du brauchst das ganze heiße Wasser!" beschwerte er sich.
"Erstens, mein Schätzchen", gurrte Loretta, "hast du heute schon mal geduscht, und zweitens kann ich besser mit dir reden, wenn nicht zwischendrin noch das Wasser plätschert."
"Du plätscherst aber doch auch mit Wasser!"
"Das ist was anderes."
"Na schön." Kevin setzte sich auf den Badewannenrand und sah Loretta beim Geschirrspülen zu.
"Sag mal, Kevin, ist dir eigentlich bewußt, daß du immer noch splitterfasernackt bist?" fragte Loretta anzüglich.
"Und?" fragte Kevin. Jetzt war schon alles egal. Bei Loretta sowieso. Loretta war Friederikes Schwägerin und somit tabu, bisher jedenfalls.
"Willst du dir nicht was anziehen? Das letzte saubere Trockentuch brauch ich allerdings für das Geschirr."
"Nö", sagte Kevin, "ich will nachher weiterduschen."
"Na gut", säuselte Loretta, "dann laß dich mal ansehen."
"Wie bitte?" fragte Kevin entgeistert.
"Ich will genau wissen, was der armen kleinen Kunigunde das Herz gebrochen hat. Mußtest du denn ausgerechnet sie zu deiner Käfersammlung hinzufügen? Es reicht doch, was du sonst schon anrichtest, oder?"
Kevin lief rot an vor Wut. Das schlug ja dem Faß den Boden aus.
"Erstens hat sie sich durchaus frei- und bereitwillig in diese meine Käfersammlung, wie du es nennst, begeben, und zweitens hatte ich, als sie angefangen hatte, auch kaum noch eine Wahl!"
"Wie meinst du das?" fragte Loretta konsterniert.
"Soll ich dir mal sagen, was sie gemacht hat?" sagte Kevin verärgert, "das hier!" Damit packte er Lorettas Hände und legte sie auf seinen Hintern. Dann steckte er ihr die Zunge in den Hals.
"So", sagte er nach einer langen, langen Knutscherei, die bei weitem nicht so dilettantisch war wie das, was sich heute morgen mit Kunigunde ereignet hatte. "Würdest du dich da noch wehren können? Kuni war zu allem entschlossen!"
"Das kann ich verdammt gut verstehen", schnurrte Loretta und legte ihre Hände wieder zurück.
"Äh – Loretta? Du wolltest doch Geschirr spülen..." sagte Kevin. Jetzt wurde ihm langsam mulmig.
"Das Geschirr kann warten", sagte Loretta.
"Ach ja, jetzt auf einmal", maulte Kevin. "Dann kann ich ja jetzt auch weiter duschen."
Das Funkeln in Lorettas Augen bei diesen Worten ließ seinen Magen in die Knie sinken. Und gleichzeitig wurden ebendiese Knie plötzlich ganz schön weich.
"Hättest du was dagegen, wenn ich mitkomme?" fragte Loretta. Kevin wollte "Ja" sagen, aber er bekam keinen Ton heraus. Mit diesen Worten schob sie ihn –ihre schlanken Hände auf seinem ansehnlichen Gesäß– in die Duschkabine. Kevin wollte protestieren, doch es war ihm unmöglich. Loretta machte die Kabinentür hinter ihm zu und wandte sich wieder dem WG-Geschirr zu.
"Arrghh!!! Loretta!" — "..."
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So, das war das vierte Kapitel. Und wenn Ihr's nicht erwarten könnt, wie es weiter geht, dann könnt Ihr beim Orchideen-Verlag gleich den ganzen Rest beziehen.