Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 5)
Die Mittagssonne streckte ihre Finger tastend nach Ludwigs Gesicht, ihn leicht zu kitzeln. Es war eigentlich einer jener Tage, an denen er dieses Kitzeln genießen, sich noch einmal fester in die Arme seines Geliebten, Theobald Baerwold, kuscheln könnte. Ein Tag ohne Vorlesungen oder Seminare, nur etwas Büroarbeit am Nachmittag und langwierige Forschung bis in die Nacht hinein. Nur, heute war das anders. Kein Kuscheln, kein ausgiebiges romantisches Frühstück – kein Theobald. Der war nämlich auf einer längeren Dienstreise, und er selbst hatte heute auch einen wichtigen Termin in einer kleinen Universitätsstadt, die neben einem guten Innenarchitekten wie Theo auch noch einen herausragenden Mathematikprofessor wie ihn selbst brauchen konnte.
Ludwig reckte und streckte sich einmal ausgiebig im Bett. Dann reckte und streckte und räkelte er sich nochmal - sah ja keiner. Aber schließlich krümelte er sich doch aus der Kiste und tappte ins Bad. Prüfender Blick in den Spiegel - er nickte zufrieden. Sein schwarzes dunkles Haar und seine schwarzen Augen hatten seit jeher bei allen Menschen eine enorme Durchschlagskraft bewiesen. Warum sollte das heute an dieser kleinen Uni in dieser kleinen Unistadt anders sein?
Fröhlich pfeifend ging er zurück ins Schlafzimmer und begann sich anzuziehen.
Claudius Strohalm indes war noch immer leicht verwirrt vom Anblick, der sich ihm in Johanssons Büro geboten hatte. Was hatte der arme Gisbert bloß angestellt, dass er in Ohnmacht gefallen war? Er würde allen Mut zusammen nehmen und seinen Doktorvater darüber befragen. Sein Herz klopfte ihm zum Halse heraus, als er an Johannsons Tür klopfte.
Stille.
Ganze Weile nix.
Dann:
"Ja, bitte?" Ein sehr, sehr unwirsches "Ja, bitte" (Herbert träumte gerade von Ludwig und war sauer, dass er dabei gestört wurde – das konnte Claudisu allerdings nicht wissen).
Sollte er oder sollte er nicht? Claudius hatte schon allen seinen nicht gerade beträchtlichen Mut zusammennehmen müssen, um an diese Tür zu klopfen, und jetzt, nach dieser barschen Antwort, sollte er noch mehr Mut aufbringen, um da reinzugehen?
Ja, sollte er. Er würde es sich nie verzeihen, wenn ihn irgendeines von den beiden süßen Mädchen am Fachbereich dabei erwischen würde, wie er hier vor Johanssons Tür herumlungerte und Schiß hatte hineinzugehen.
"Was ist denn jetzt?" brüllte Herbert von drinnen.
Claudius wurde es immer mulmiger. Aber er sollte da lieber hinein, bevor der Alte noch rauskam und ihn hier draußen zur Schnecke machte.
Mit Herzschlägen, die dem Trommelfeuer eines afrikanischen Ureinwohner-Stammes glichen, tastete seine nassgeschwitzte Hand nach der Türklinke und drückte diese herunter. Woraufhin die Tür regelrecht aufsprang, und Herbert ihn mit einem wütenden Grinsen anstierte. Claudius zuckte zurück – Mist! Gerade jetzt mußte Heidelinde, eines der beiden süßen Mädchen am Fachbereich, vorbeikommen. Alle Träume von heldenhaften Baggerführertaten vorbei in einem einzigen Zucken. Also noch einmal alle Kraft zusammennehmen und wieder aufrichten:
"Professor Johannson, was war das eigentlich vorhin, als sie den Herrn Gregorius in die Ohnmacht geschickt haben?"
"Äh, bitte, was?" Herbert war ziemlich überrascht. Strohalm war eigentlich eher ein unterwürfiges, schleimiges Nichts, wie bisher noch jeder seiner Doktoranden. "Was soll ich mit dem Herrrn Gregorius angestellt haben? Der ist manchmal nur ein bißchen nervös. So wie heute."
"Das kann ich ja nun überhaupt gar nicht glauben, Herr Johannson!" Nicht nur, dass Herbert sich was zusammenstammelte, jetzt hatte sich auch Claudius noch im Ton vergriffen. Johannson war ziemlich eigen, was das Vergessen von Titeln bei der Anrede durch niedere Chargen anging. Das konnte ja noch heiter werden.
"Herr PROFESSOR Johansson, bitte", sagte Herbert schneidend. "Und was die Sache mit Herrn Gregorius angeht, das geht Sie nichts an."
"Geht's mich doch. Sie können doch nicht einfach einen Studenten des Fachbereichs in die Ohnmacht schicken", ereiferte sich Claudius mit einer Art von Heldenmut, die, nachdem Heidelinde von Herberts Tür wieder verschwunden war, absolut keinen Sinn hatte.
"Herr Strohalm", zischte Herbert mit mühsam unterdrückter Wut. "Herr Strohalm, wenn Sie nicht gelernt haben, sich zu mäßigen, muß ich darüber nachdenken, ob ich noch weiterhin Ihre Doktorarbeit betreuen kann."
Claudius blieb der Mund offen stehen. Diese KANALRATTE!!! Der machte das.
"Herr Strohalm, Sie dürfen gehen", sagte Herbert und schlug dem immer noch völlig konsternierten Claudius die Tür vor der Nase zu. Nervige Doktoranden. Glaubten, sie könnten sich alles erlauben, nur weil sie ein Diplom hatten. Konnten sie aber nicht. So.
Herbert war zufrieden mit sich. Erstens hatte er wieder mal was für seinen Ruf am Fachbereich getan, und zweitens hatte er dafür gesorgt, daß dieses Weichei Strohalm nicht wieder mit eingebildeten Problemen zu ihm kam.
Heidrun Kegelberg, eines der süßesten Mädchen, das unsere kleine Universitätsstadt je hervorgebracht hatte, verirrte sich einmal mehr in den labyrinthischen Fluren des mathematischen Institutes. Verdammt, sie kannte jeden Winkel dieser Stadt und des Umlandes wie ihre Westentasche, nur dieses schreckliche Universitätsgebäude hatte sie in den 19 langen Jahren ihres kurzen Lebens noch nicht mehr als dreimal von innen gesehen. Doch es gab einen Lichtblick, etliche Meter vor ihr stand ihr Lieblingstutor, Claudius Strohalm. Ein echt süßer Junge, und so ein passender, toller Name. Claudius hieß doch auf Lateinisch "der Verschlossene", und ein bißchen wirkte er auch so. Aber das machte ihn ein wenig geheimnisvoll, als ob es nicht schon reichte, dass er soooo süüüß war. Und dann Strohalm mit nur einem H, als ob er im Winde knicken solle, und doch so stark...
Und jetzt kam er auf sie zu. Nun zitterte Heidrun selber wie ein Hälmchen im Wind. Seine überwältigende Männlichkeit überwältigte sie, selbst auf eine Entfernung von fünf Metern. Er strahlte so etwas aus, so etwas...
"H – hallo Claudius", stammelte sie und errötete zart wie eine neu erblühte pinkfarbene Rose.
"Was? Ach, hallo Heidrun", machte Claudius zerstreut.
"Hallo Claudius", stammelte Heidrun wieder, und automatisch stahl sich ein bezauberndes Lächeln auf ihr Gesicht.
Claudius blieb stehen. Das war ja nicht die Möglichkeit. Gerade hatte ihn Johansson zusammengeschreddert, und jetzt stand dieses entzückende Wesen vor ihm.
Er räusperte sich und spürte, wie er ebenfalls errötete.
"H – hallo Heidrun", murmelte er.
So standen die beiden nun voreinander, Köpfe hochrot und tödlich verlegen.
Verdammt, was soll ich jetzt mit ihr machen? dachte Claudius. Wenn ich sie jetzt weglaufen lasse, dann komme ich ihr vielleicht nie wieder so nahe...
Er ist soooo süß, dachte Heidrun.
"Heidrun!" rief leider nicht Claudius, sondern Heidelinde. Heidrun mochte ihre Freundin sehr, aber in diesem Moment wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte nicht gerufen.
Ein wenig unwillig wandte sie sich um.
"Hallo Heidelinde", sagte sie.
"Hallo Heidelinde", sagte Claudius. Das war ja wie Weihnachten, Ostern und erfolgreiche Promotion zusammen. Die beiden hübschesten Mädchen am Fachbereich ganz privat. Standen um ihn herum und himmelten ihn an.
Das Leben war DOCH schön.
"Was meinst du mit 'Arrghh!!!'?" fragte Loretta den etwas verdutzten Kevin, der unter der Dusche vor sich hin fröstelte. Erst heizte sie ihn mit kleinen Flammenstößen an, und dann sowas. Sie hatte ihn einfach unter die Dusche abgeschoben, ohne hinterher zu kommen. Loretta schien dreckiges Geschirr einem wohlriechenden, frisch gewaschenen Kevin vorzuziehen. Nicht, dass er eigentlich was von Loretta wollte, aber das war ihm in seiner langen, unheilvollen Karriere mit dem holden Geschlecht doch noch nicht untergekommen.
"Wie, was ich damit meine? Du hast mir das Warmwasser abgedreht für dein blödes Drecksgeschirr. Ich steh nicht gerne so plötzlich im kalten Regen", erwiderte der Adonis aus dem Osten.
"Von wegen plötzlich! Ich meine mich zu erinnern, dass ich gesagt hatte, ich wolle Geschirr spülen. Und etwas Abkühlung tut DIR jetzt bestimmt mehr als gut." Loretta klapperte betont mit dem Spülgut.
"Wie? Etwas Abkühlung? Wer heizt denn hier die Atmosphäre auf? Du oder ich?" — "Immer, wer dumm fragt, Kevin! Deine Hormone fahren wohl zur Zeit Riesenrad mit Dir? Mensch, reiß dich zusammen und schalt ab und an mal deinen Verstand ein."
"?!?" röchelte Kevin. Mehr brachte er nicht mehr raus.
"Ja, du hast mich genau verstanden. Süßer. Du reagierst auf jeden weiblichen Annäherungsversuch mit einem Gegen-Annäherungsversuch, egal, ob du das eigentlich willst oder nicht, und dann jammerst du hinterher über zerschmissenes Porzellan, wenn es geklappt hat, und wenn es nicht geklappt hat, bist du beleidigt?"
"?!?" röchelte Kevin. Der Frosch in seiner Kehle wollte und wollte sich nicht verflüchtigen.
"Wolltest du was sagen?" fragte Loretta freundlich.
"Ja", sagte Kevin, der endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. "Du wolltest also eben nicht mit mir unter die Dusche?"
"Nein, ich wollte eben nicht mit dir unter die Dusche", sagte Loretta gelassen.
"Du wolltest eben wirklich nicht mit mir unter die Dusche?"
"Nein, ich wollte eben wirklich nicht mit dir unter die Dusche. Ich wollte auch nicht von dir geküßt werden. Und ich denke, du tätest gut daran, dich jetzt endlich mal wieder anzuziehen!"
"Loretta, ich habe gerade geduscht", fauchte Kevin gereizt, einerseits wegen ihrer Aufforderung, andererseits, weil er nun endlich begriffen hatte, daß wohl mit ihr wirklich nichts mehr laufen würde. Seine Eitelkeit ärgerte sich schwarz.
"Schön. Dann bist du nach der zweiten Dusche für heute hoffentlich sauber." Loretta wandte sich wieder ihrem Geschirr zu.
"Ach, rutsch mir doch den Buckel runter", murmelte Kevin gereizt.
"Du mich auch, Süßer", entgegnete Loretta gelassen, ohne sich umzudrehen.
"Oh Mann, was hab ich mir damit nur eingebrockt?" Schorsch war total durch den Wind nach der Gardinenpredigt von Loretta. Und Kunigunde würde er auch nie wieder unter die Augen treten können, verflucht, sie war diejenige aus seiner WG, die er am häufigsten zu sehen bekam. Es half alles nichts, er musste sich zusammen rappeln und Lorettas Auftrag ausführen. Wo in dieser kleinen Universitätsstadt würde man einem Mann Spitzenunterwäsche verkaufen, ohne auf blöde Nebengedanken zu kommen? Er wusste ja nicht einmal, wo er hingehen sollte, wenn er eine Frau wäre. Da musste er übel oder wohl in die nächste große Großstadt fahren. Und selbst das war schon schlimm genug. Hoffentlich traf er wenigstens niemanden, den er kannte!
Mit ziemlich gemischten Gefühlen holte er sich am Bahnhof seine Fahrkarte und mußte sich mit aller Gewalt ständig daran erinnern, daß ihm hier niemand ansehen konnte und wollte, was er vorhatte.
Im Zug hatte er zum Glück ein Abteil für sich allein. So konnte er nochmal in aller Ruhe den dunkelroten Spitzenslip aus seinem Rucksack kramen und dessen Größenschild ausgiebig studieren. Nicht auszudenken, wenn er Kunigunde ihre duftigen Wäschestücke ersetzte, nur um dann die falsche Größe erwischt zu haben!
Während Schorsch noch mit seinem Größenstudium beschäftigt war, ging die Abteiltür auf, und ein uniformierter Mann trat ein.
"Zugestiegene Fahrgäste die Fahrausweise bitte!" Der Zugbegleiter klang erstaunlich gut gelaunt, als er Schorsch aus seinen Untersuchungen riss. Der wiederum wurde bordeauxrot ob der Pein, die er erlitt. Dabei kam der Schaffner immer mitten auf Strecke zu ihm, egal wie weit er fahren wollte.
"Äh, ?!?, ja, äh", stammelte er auf der Suche nach seinem Ticket.
"Das erste Mal auf dem Weg zum Höschenkauf für die Freundin?" fragte der Schaffner freundlich, um die Wartezeit etwas mit Smalltalk zu überbrücken. Was Schorsch natürlich noch mehr verunsicherte.
"Äh, öh, hmmppf. Hier bitte", mit diesen Worten zückte er seine Rückfahrkarte mitsamt BahnCard. Der Schaffner lochte den Fahrausweis mit seiner bedrohlich wirkenden Zange und fügte freundlich hinzu:
"Übrigens, Herr Löber, Helmfriede's Geheimnis in der Bahnhofstraße hat eine hervorragende Auswahl an erschwinglicher und außergewöhnlicher Unterwäsche – für Sie und für Ihn!"
"Äh, d-danke, öh." Schorsch kam heute wohl nicht mehr aus dem Stammeln heraus. Aber die Adresse musste er sich merken, und weit zu laufen hätte er sicherlich auch nicht. Verschämt widmete er sich wieder den Unterschieden in den internationalen Größenbezeichnungen für Damenunterwäsche. Und warum hatte Kunigunde das Schildchen noch im Slip? Das juckte doch, so fest wie das Material war.
Als Schorsch aus dem Bahnhofsgebäude kam, blieb er erstmal stehen. Au weia. Wenn das die Bahnhofstraße war, hatte er jetzt ein Problem. Die war ja endlos! Und er hatte doch keine Lust zu laufen!
Aber was sein mußte, mußte sein, und Schorsch wäre sicher auch einmal um den Mond gelaufen, um seiner angebeteten Kunigunde die ersehnten Dessous zu beschaffen.
Also los. Schorsch schlurfte in der typischen Schorsch-Manier die Bahnhofstraße lang und bekam mal wieder nichts mit. Als er das erste Mal vor dem Laternenpfahl hing, den irgendein achtloser Mensch hier hingestellt hatte, rückte er ärgerlich sein Kassengestell zurecht und schlappte weiter. Und schon kam der nächste Laternenpfahl.
"Kann ich Ihnen helfen?" fragte ein älterer Passant freundlich. "Fühlen Sie sich nicht wohl?"
"Hmpf", machte Schorsch und sah zu, daß er Land gewann.
Ah, da endlich. "Helmfriede's Geheimnis". Ehrfürchtig blieb Schorsch stehen. Das war ja mal ein tolles Gebäude. Und das Schaufenster! Hier sollte also die Erfüllung geheimster Unterwäscheträume stattfinden?
Na gut. Dann gehn wir doch mal rein. Mit einem leicht wuschenden Geräusch schoben sich die riesigen gläsernen Türen seitwärts auf, voller Ehrfurcht betrat Schorsch die heiligen Hallen der großen Unterwäschegeheimnisse. Ein junger Verkäufer in einem anthrazitgrauen Anzug kam auf ihn zu und begrüßte ihn.
"Guten Tag, mein Herr, wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?" Schorsch glaubte sich in einer anderen Welt, fehlte nur noch, dass eine Prinzessin seinen Weg kreuzte und ihn zum Ball lud.
"Ähh, öh, hmmppffft" war alles, was Schorsch wieder einmal hervorbrachte. Da er den Slip noch in der Hand hielt, wusste der junge Mann im Anzug dennoch, was Schorschs Begehr war.
"Ah, Sie suchen etwas Nettes für die Freundin. Dann kommen Sie bitte mit." Mit dieser Floskel huschte er in die Damenabteilung, um seine Beute den Kolleginnen zu präsentieren. Wieder so ein Schwachkopf, der seine Angebetete mit ausgefallenen Höschen milde stimmen oder gar bezirzen wollte. Na, dafür waren sie ja besonders geschult. Also: ATTACKE!!!
"Haben Sie etwas bestimmtes ins Auge gefasst, der Herr?" — "Ähh, öh, hmmppfffhrrggll."
"Ihre gnädige Frau Freundin bevorzugt also eher die klassische Linie", stellte der Raubvogel im Anzug fest und griff in ein Regal mit eher unerotischen Baumwollmiedern, wie sie nicht einmal seine Urgroßmutter getragen hätte, auch wenn sich das alle so vorstellen.
"Ähh, öh, hmmppffft", grummelte Schorsch und fuhr fort: "Nein, das nun, ähm, nicht gerade, irgendwie, jedenfalls."
Der Verkäufer hatte Mühe, nicht zu grinsen. Na, diesen kleinen Klemmi würde er schon aus der Reserve locken!
"Was gefällt Ihnen daran nicht? Schauen Sie, hier, neutrale Farbe, erstklassig verarbeitet. Das kann sie unter alles anziehen."
Schorsch schüttelte den Kopf.
"Is nich Spitze", brachte er schließlich hervor.
Der Verkäufer nickte befriedigt.
"In Ordnung. Dann schauen Sie mal hier." Damit hielt er ein winziges duftiges Nichts in die Höhe, das genaugenommen nur aus Spitze bestand – aus sehr wenig Spitze. Außerdem war es gelb.
Schorsch runzelte die Stirn. Zugegebenermaßen, Kunigunde würde in diesem Nichts sehr sexy wirken. Aber er kannte ihre Unterwäsche-Schublade inzwischen besser als seine eigene, und soweit er sich erinnerte, war da nichts Gelbes drin gewesen.
lnsofern war Gelb wohl doch nicht das Wahre. Schorsch schüttelte den Kopf.
"Nicht gut?" fragte der Verkäufer.
"Zu gelb", sagte Schorsch.
"Welche Farbe wär denn besser?" fragte der Verkäufer, der so viel Spaß hatte bei diesem Verkaufsgespräch wie schon seit einer halben Woche nicht mehr.
Statt einer Antwort hielt Schorsch den bordeauxroten Slip in seiner Hand hoch.
Eine dunkelblaue, drei schwarze und vier bordeauxrote Spitzendessous später führte der Verkäufer den nun schon etwas zufriedener wirkenden Schorsch aus der Damenabteilung.
Puh. Fast geschafft, dachte der Verkäufer.
Puh. Fast geschafft, dachte Schorsch. Doch plötzlich wurde sein Blick abgelenkt – auf den Stand mit den Herren-Lackstrings.
Denn dort stand – dort stand –
"KUNIGUNDE!!" schrie Schorsch.
Wie konnte es am hellichten Tage nur so dunkel in den Straßen der Altstadt sein? Gisi wußte nicht so recht, wo er überall umher geirrt war, und erst recht nicht, wie er in diesen, ihm völlig unbekannten Teil der Stadt gelangt war. Und dabei gab es in dieser kleinen Universitätsstadt doch keinen Fleck, der unbekannt sein konnte. Jedenfalls wusste er nicht, wie er hierher gekommen war, durch welchen Hinterausgang welcher der zahlreichen Kneipen, die er gestreift hatte, nicht ohne etwas zu konsumieren, er gestolpert war. Und sein Schädel schien exorbitante Ausmaße anzunehmen.
"Du kumms hier net rein!" dröhnte es Gisi entgegen, als er durch den Torbogen, der den einzigen Ausgang dieser Sackgasse bildete, gehen wollte.
"Willdo ganich rein, iwill raus, ansLich! Und anLan! Isso dunkl, unalls bewegsisch. So – langsam – hin – und – her." Ein würfeliges Husten bemächtigte sich seiner.
"Eh! Reiher woanders hin, du Sack! Nichin meim Hof! Wer solln das wieder sauber machen?" Der so sprach, packte Gisi am Kragen und beförderte ihn recht unsanft durch das Tor auf die davor liegende Flaniermeile der Altstadt, wo selbiger über seine Füße stolpernd zu Boden sank. Und dann gingen seine Lichtlein aus...