2009-06-27

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 5)

5

Die Mittagssonne streckte ihre Finger tastend nach Ludwigs Gesicht, ihn leicht zu kitzeln. Es war eigentlich einer jener Tage, an denen er dieses Kitzeln genießen, sich noch einmal fester in die Arme seines Geliebten, Theobald Baerwold, kuscheln könnte. Ein Tag ohne Vorlesungen oder Seminare, nur etwas Büroarbeit am Nachmittag und langwierige Forschung bis in die Nacht hinein. Nur, heute war das anders. Kein Kuscheln, kein ausgiebiges romantisches Frühstück – kein Theobald. Der war nämlich auf einer längeren Dienstreise, und er selbst hatte heute auch einen wichtigen Termin in einer kleinen Universitätsstadt, die neben einem guten Innenarchitekten wie Theo auch noch einen herausragenden Mathematikprofessor wie ihn selbst brauchen konnte.

Ludwig reckte und streckte sich einmal ausgiebig im Bett. Dann reckte und streckte und räkelte er sich nochmal - sah ja keiner. Aber schließlich krümelte er sich doch aus der Kiste und tappte ins Bad. Prüfender Blick in den Spiegel - er nickte zufrieden. Sein schwarzes dunkles Haar und seine schwarzen Augen hatten seit jeher bei allen Menschen eine enorme Durchschlagskraft bewiesen. Warum sollte das heute an dieser kleinen Uni in dieser kleinen Unistadt anders sein?

Fröhlich pfeifend ging er zurück ins Schlafzimmer und begann sich anzuziehen.

Claudius Strohalm indes war noch immer leicht verwirrt vom Anblick, der sich ihm in Johanssons Büro geboten hatte. Was hatte der arme Gisbert bloß angestellt, dass er in Ohnmacht gefallen war? Er würde allen Mut zusammen nehmen und seinen Doktorvater darüber befragen. Sein Herz klopfte ihm zum Halse heraus, als er an Johannsons Tür klopfte.

Stille.

Ganze Weile nix.

Dann:

"Ja, bitte?" Ein sehr, sehr unwirsches "Ja, bitte" (Herbert träumte gerade von Ludwig und war sauer, dass er dabei gestört wurde – das konnte Claudisu allerdings nicht wissen).

Sollte er oder sollte er nicht? Claudius hatte schon allen seinen nicht gerade beträchtlichen Mut zusammennehmen müssen, um an diese Tür zu klopfen, und jetzt, nach dieser barschen Antwort, sollte er noch mehr Mut aufbringen, um da reinzugehen?

Ja, sollte er. Er würde es sich nie verzeihen, wenn ihn irgendeines von den beiden süßen Mädchen am Fachbereich dabei erwischen würde, wie er hier vor Johanssons Tür herumlungerte und Schiß hatte hineinzugehen.

"Was ist denn jetzt?" brüllte Herbert von drinnen.

Claudius wurde es immer mulmiger. Aber er sollte da lieber hinein, bevor der Alte noch rauskam und ihn hier draußen zur Schnecke machte.

Mit Herzschlägen, die dem Trommelfeuer eines afrikanischen Ureinwohner-Stammes glichen, tastete seine nassgeschwitzte Hand nach der Türklinke und drückte diese herunter. Woraufhin die Tür regelrecht aufsprang, und Herbert ihn mit einem wütenden Grinsen anstierte. Claudius zuckte zurück – Mist! Gerade jetzt mußte Heidelinde, eines der beiden süßen Mädchen am Fachbereich, vorbeikommen. Alle Träume von heldenhaften Baggerführertaten vorbei in einem einzigen Zucken. Also noch einmal alle Kraft zusammennehmen und wieder aufrichten:

"Professor Johannson, was war das eigentlich vorhin, als sie den Herrn Gregorius in die Ohnmacht geschickt haben?"

"Äh, bitte, was?" Herbert war ziemlich überrascht. Strohalm war eigentlich eher ein unterwürfiges, schleimiges Nichts, wie bisher noch jeder seiner Doktoranden. "Was soll ich mit dem Herrrn Gregorius angestellt haben? Der ist manchmal nur ein bißchen nervös. So wie heute."

"Das kann ich ja nun überhaupt gar nicht glauben, Herr Johannson!" Nicht nur, dass Herbert sich was zusammenstammelte, jetzt hatte sich auch Claudius noch im Ton vergriffen. Johannson war ziemlich eigen, was das Vergessen von Titeln bei der Anrede durch niedere Chargen anging. Das konnte ja noch heiter werden.

"Herr PROFESSOR Johansson, bitte", sagte Herbert schneidend. "Und was die Sache mit Herrn Gregorius angeht, das geht Sie nichts an."

"Geht's mich doch. Sie können doch nicht einfach einen Studenten des Fachbereichs in die Ohnmacht schicken", ereiferte sich Claudius mit einer Art von Heldenmut, die, nachdem Heidelinde von Herberts Tür wieder verschwunden war, absolut keinen Sinn hatte.

"Herr Strohalm", zischte Herbert mit mühsam unterdrückter Wut. "Herr Strohalm, wenn Sie nicht gelernt haben, sich zu mäßigen, muß ich darüber nachdenken, ob ich noch weiterhin Ihre Doktorarbeit betreuen kann."

Claudius blieb der Mund offen stehen. Diese KANALRATTE!!! Der machte das.

"Herr Strohalm, Sie dürfen gehen", sagte Herbert und schlug dem immer noch völlig konsternierten Claudius die Tür vor der Nase zu. Nervige Doktoranden. Glaubten, sie könnten sich alles erlauben, nur weil sie ein Diplom hatten. Konnten sie aber nicht. So.

Herbert war zufrieden mit sich. Erstens hatte er wieder mal was für seinen Ruf am Fachbereich getan, und zweitens hatte er dafür gesorgt, daß dieses Weichei Strohalm nicht wieder mit eingebildeten Problemen zu ihm kam.

Heidrun Kegelberg, eines der süßesten Mädchen, das unsere kleine Universitätsstadt je hervorgebracht hatte, verirrte sich einmal mehr in den labyrinthischen Fluren des mathematischen Institutes. Verdammt, sie kannte jeden Winkel dieser Stadt und des Umlandes wie ihre Westentasche, nur dieses schreckliche Universitätsgebäude hatte sie in den 19 langen Jahren ihres kurzen Lebens noch nicht mehr als dreimal von innen gesehen. Doch es gab einen Lichtblick, etliche Meter vor ihr stand ihr Lieblingstutor, Claudius Strohalm. Ein echt süßer Junge, und so ein passender, toller Name. Claudius hieß doch auf Lateinisch "der Verschlossene", und ein bißchen wirkte er auch so. Aber das machte ihn ein wenig geheimnisvoll, als ob es nicht schon reichte, dass er soooo süüüß war. Und dann Strohalm mit nur einem H, als ob er im Winde knicken solle, und doch so stark...

Und jetzt kam er auf sie zu. Nun zitterte Heidrun selber wie ein Hälmchen im Wind. Seine überwältigende Männlichkeit überwältigte sie, selbst auf eine Entfernung von fünf Metern. Er strahlte so etwas aus, so etwas...

"H – hallo Claudius", stammelte sie und errötete zart wie eine neu erblühte pinkfarbene Rose.

"Was? Ach, hallo Heidrun", machte Claudius zerstreut.

"Hallo Claudius", stammelte Heidrun wieder, und automatisch stahl sich ein bezauberndes Lächeln auf ihr Gesicht.

Claudius blieb stehen. Das war ja nicht die Möglichkeit. Gerade hatte ihn Johansson zusammengeschreddert, und jetzt stand dieses entzückende Wesen vor ihm.

Er räusperte sich und spürte, wie er ebenfalls errötete.

"H – hallo Heidrun", murmelte er.

So standen die beiden nun voreinander, Köpfe hochrot und tödlich verlegen.

Verdammt, was soll ich jetzt mit ihr machen? dachte Claudius. Wenn ich sie jetzt weglaufen lasse, dann komme ich ihr vielleicht nie wieder so nahe...

Er ist soooo süß, dachte Heidrun.

"Heidrun!" rief leider nicht Claudius, sondern Heidelinde. Heidrun mochte ihre Freundin sehr, aber in diesem Moment wäre es ihr lieber gewesen, sie hätte nicht gerufen.

Ein wenig unwillig wandte sie sich um.

"Hallo Heidelinde", sagte sie.

"Hallo Heidelinde", sagte Claudius. Das war ja wie Weihnachten, Ostern und erfolgreiche Promotion zusammen. Die beiden hübschesten Mädchen am Fachbereich ganz privat. Standen um ihn herum und himmelten ihn an.

Das Leben war DOCH schön.

"Was meinst du mit 'Arrghh!!!'?" fragte Loretta den etwas verdutzten Kevin, der unter der Dusche vor sich hin fröstelte. Erst heizte sie ihn mit kleinen Flammenstößen an, und dann sowas. Sie hatte ihn einfach unter die Dusche abgeschoben, ohne hinterher zu kommen. Loretta schien dreckiges Geschirr einem wohlriechenden, frisch gewaschenen Kevin vorzuziehen. Nicht, dass er eigentlich was von Loretta wollte, aber das war ihm in seiner langen, unheilvollen Karriere mit dem holden Geschlecht doch noch nicht untergekommen.

"Wie, was ich damit meine? Du hast mir das Warmwasser abgedreht für dein blödes Drecksgeschirr. Ich steh nicht gerne so plötzlich im kalten Regen", erwiderte der Adonis aus dem Osten.

"Von wegen plötzlich! Ich meine mich zu erinnern, dass ich gesagt hatte, ich wolle Geschirr spülen. Und etwas Abkühlung tut DIR jetzt bestimmt mehr als gut." Loretta klapperte betont mit dem Spülgut.

"Wie? Etwas Abkühlung? Wer heizt denn hier die Atmosphäre auf? Du oder ich?" — "Immer, wer dumm fragt, Kevin! Deine Hormone fahren wohl zur Zeit Riesenrad mit Dir? Mensch, reiß dich zusammen und schalt ab und an mal deinen Verstand ein."

"?!?" röchelte Kevin. Mehr brachte er nicht mehr raus.

"Ja, du hast mich genau verstanden. Süßer. Du reagierst auf jeden weiblichen Annäherungsversuch mit einem Gegen-Annäherungsversuch, egal, ob du das eigentlich willst oder nicht, und dann jammerst du hinterher über zerschmissenes Porzellan, wenn es geklappt hat, und wenn es nicht geklappt hat, bist du beleidigt?"

"?!?" röchelte Kevin. Der Frosch in seiner Kehle wollte und wollte sich nicht verflüchtigen.

"Wolltest du was sagen?" fragte Loretta freundlich.

"Ja", sagte Kevin, der endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. "Du wolltest also eben nicht mit mir unter die Dusche?"

"Nein, ich wollte eben nicht mit dir unter die Dusche", sagte Loretta gelassen.

"Du wolltest eben wirklich nicht mit mir unter die Dusche?"

"Nein, ich wollte eben wirklich nicht mit dir unter die Dusche. Ich wollte auch nicht von dir geküßt werden. Und ich denke, du tätest gut daran, dich jetzt endlich mal wieder anzuziehen!"

"Loretta, ich habe gerade geduscht", fauchte Kevin gereizt, einerseits wegen ihrer Aufforderung, andererseits, weil er nun endlich begriffen hatte, daß wohl mit ihr wirklich nichts mehr laufen würde. Seine Eitelkeit ärgerte sich schwarz.

"Schön. Dann bist du nach der zweiten Dusche für heute hoffentlich sauber." Loretta wandte sich wieder ihrem Geschirr zu.

"Ach, rutsch mir doch den Buckel runter", murmelte Kevin gereizt.

"Du mich auch, Süßer", entgegnete Loretta gelassen, ohne sich umzudrehen.

"Oh Mann, was hab ich mir damit nur eingebrockt?" Schorsch war total durch den Wind nach der Gardinenpredigt von Loretta. Und Kunigunde würde er auch nie wieder unter die Augen treten können, verflucht, sie war diejenige aus seiner WG, die er am häufigsten zu sehen bekam. Es half alles nichts, er musste sich zusammen rappeln und Lorettas Auftrag ausführen. Wo in dieser kleinen Universitätsstadt würde man einem Mann Spitzenunterwäsche verkaufen, ohne auf blöde Nebengedanken zu kommen? Er wusste ja nicht einmal, wo er hingehen sollte, wenn er eine Frau wäre. Da musste er übel oder wohl in die nächste große Großstadt fahren. Und selbst das war schon schlimm genug. Hoffentlich traf er wenigstens niemanden, den er kannte!

Mit ziemlich gemischten Gefühlen holte er sich am Bahnhof seine Fahrkarte und mußte sich mit aller Gewalt ständig daran erinnern, daß ihm hier niemand ansehen konnte und wollte, was er vorhatte.

Im Zug hatte er zum Glück ein Abteil für sich allein. So konnte er nochmal in aller Ruhe den dunkelroten Spitzenslip aus seinem Rucksack kramen und dessen Größenschild ausgiebig studieren. Nicht auszudenken, wenn er Kunigunde ihre duftigen Wäschestücke ersetzte, nur um dann die falsche Größe erwischt zu haben!

Während Schorsch noch mit seinem Größenstudium beschäftigt war, ging die Abteiltür auf, und ein uniformierter Mann trat ein.

"Zugestiegene Fahrgäste die Fahrausweise bitte!" Der Zugbegleiter klang erstaunlich gut gelaunt, als er Schorsch aus seinen Untersuchungen riss. Der wiederum wurde bordeauxrot ob der Pein, die er erlitt. Dabei kam der Schaffner immer mitten auf Strecke zu ihm, egal wie weit er fahren wollte.

"Äh, ?!?, ja, äh", stammelte er auf der Suche nach seinem Ticket.

"Das erste Mal auf dem Weg zum Höschenkauf für die Freundin?" fragte der Schaffner freundlich, um die Wartezeit etwas mit Smalltalk zu überbrücken. Was Schorsch natürlich noch mehr verunsicherte.

"Äh, öh, hmmppf. Hier bitte", mit diesen Worten zückte er seine Rückfahrkarte mitsamt BahnCard. Der Schaffner lochte den Fahrausweis mit seiner bedrohlich wirkenden Zange und fügte freundlich hinzu:

"Übrigens, Herr Löber, Helmfriede's Geheimnis in der Bahnhofstraße hat eine hervorragende Auswahl an erschwinglicher und außergewöhnlicher Unterwäsche – für Sie und für Ihn!"

"Äh, d-danke, öh." Schorsch kam heute wohl nicht mehr aus dem Stammeln heraus. Aber die Adresse musste er sich merken, und weit zu laufen hätte er sicherlich auch nicht. Verschämt widmete er sich wieder den Unterschieden in den internationalen Größenbezeichnungen für Damenunterwäsche. Und warum hatte Kunigunde das Schildchen noch im Slip? Das juckte doch, so fest wie das Material war.

Als Schorsch aus dem Bahnhofsgebäude kam, blieb er erstmal stehen. Au weia. Wenn das die Bahnhofstraße war, hatte er jetzt ein Problem. Die war ja endlos! Und er hatte doch keine Lust zu laufen!

Aber was sein mußte, mußte sein, und Schorsch wäre sicher auch einmal um den Mond gelaufen, um seiner angebeteten Kunigunde die ersehnten Dessous zu beschaffen.

Also los. Schorsch schlurfte in der typischen Schorsch-Manier die Bahnhofstraße lang und bekam mal wieder nichts mit. Als er das erste Mal vor dem Laternenpfahl hing, den irgendein achtloser Mensch hier hingestellt hatte, rückte er ärgerlich sein Kassengestell zurecht und schlappte weiter. Und schon kam der nächste Laternenpfahl.

"Kann ich Ihnen helfen?" fragte ein älterer Passant freundlich. "Fühlen Sie sich nicht wohl?"

"Hmpf", machte Schorsch und sah zu, daß er Land gewann.

Ah, da endlich. "Helmfriede's Geheimnis". Ehrfürchtig blieb Schorsch stehen. Das war ja mal ein tolles Gebäude. Und das Schaufenster! Hier sollte also die Erfüllung geheimster Unterwäscheträume stattfinden?

Na gut. Dann gehn wir doch mal rein. Mit einem leicht wuschenden Geräusch schoben sich die riesigen gläsernen Türen seitwärts auf, voller Ehrfurcht betrat Schorsch die heiligen Hallen der großen Unterwäschegeheimnisse. Ein junger Verkäufer in einem anthrazitgrauen Anzug kam auf ihn zu und begrüßte ihn.

"Guten Tag, mein Herr, wie kann ich Ihnen zu Diensten sein?" Schorsch glaubte sich in einer anderen Welt, fehlte nur noch, dass eine Prinzessin seinen Weg kreuzte und ihn zum Ball lud.

"Ähh, öh, hmmppffft" war alles, was Schorsch wieder einmal hervorbrachte. Da er den Slip noch in der Hand hielt, wusste der junge Mann im Anzug dennoch, was Schorschs Begehr war.

"Ah, Sie suchen etwas Nettes für die Freundin. Dann kommen Sie bitte mit." Mit dieser Floskel huschte er in die Damenabteilung, um seine Beute den Kolleginnen zu präsentieren. Wieder so ein Schwachkopf, der seine Angebetete mit ausgefallenen Höschen milde stimmen oder gar bezirzen wollte. Na, dafür waren sie ja besonders geschult. Also: ATTACKE!!!

"Haben Sie etwas bestimmtes ins Auge gefasst, der Herr?" — "Ähh, öh, hmmppfffhrrggll."

"Ihre gnädige Frau Freundin bevorzugt also eher die klassische Linie", stellte der Raubvogel im Anzug fest und griff in ein Regal mit eher unerotischen Baumwollmiedern, wie sie nicht einmal seine Urgroßmutter getragen hätte, auch wenn sich das alle so vorstellen.

"Ähh, öh, hmmppffft", grummelte Schorsch und fuhr fort: "Nein, das nun, ähm, nicht gerade, irgendwie, jedenfalls."

Der Verkäufer hatte Mühe, nicht zu grinsen. Na, diesen kleinen Klemmi würde er schon aus der Reserve locken!

"Was gefällt Ihnen daran nicht? Schauen Sie, hier, neutrale Farbe, erstklassig verarbeitet. Das kann sie unter alles anziehen."

Schorsch schüttelte den Kopf.

"Is nich Spitze", brachte er schließlich hervor.

Der Verkäufer nickte befriedigt.

"In Ordnung. Dann schauen Sie mal hier." Damit hielt er ein winziges duftiges Nichts in die Höhe, das genaugenommen nur aus Spitze bestand – aus sehr wenig Spitze. Außerdem war es gelb.

Schorsch runzelte die Stirn. Zugegebenermaßen, Kunigunde würde in diesem Nichts sehr sexy wirken. Aber er kannte ihre Unterwäsche-Schublade inzwischen besser als seine eigene, und soweit er sich erinnerte, war da nichts Gelbes drin gewesen.

lnsofern war Gelb wohl doch nicht das Wahre. Schorsch schüttelte den Kopf.

"Nicht gut?" fragte der Verkäufer.

"Zu gelb", sagte Schorsch.

"Welche Farbe wär denn besser?" fragte der Verkäufer, der so viel Spaß hatte bei diesem Verkaufsgespräch wie schon seit einer halben Woche nicht mehr.

Statt einer Antwort hielt Schorsch den bordeauxroten Slip in seiner Hand hoch.

Eine dunkelblaue, drei schwarze und vier bordeauxrote Spitzendessous später führte der Verkäufer den nun schon etwas zufriedener wirkenden Schorsch aus der Damenabteilung.

Puh. Fast geschafft, dachte der Verkäufer.

Puh. Fast geschafft, dachte Schorsch. Doch plötzlich wurde sein Blick abgelenkt – auf den Stand mit den Herren-Lackstrings.

Denn dort stand – dort stand –

"KUNIGUNDE!!" schrie Schorsch.

Wie konnte es am hellichten Tage nur so dunkel in den Straßen der Altstadt sein? Gisi wußte nicht so recht, wo er überall umher geirrt war, und erst recht nicht, wie er in diesen, ihm völlig unbekannten Teil der Stadt gelangt war. Und dabei gab es in dieser kleinen Universitätsstadt doch keinen Fleck, der unbekannt sein konnte. Jedenfalls wusste er nicht, wie er hierher gekommen war, durch welchen Hinterausgang welcher der zahlreichen Kneipen, die er gestreift hatte, nicht ohne etwas zu konsumieren, er gestolpert war. Und sein Schädel schien exorbitante Ausmaße anzunehmen.

"Du kumms hier net rein!" dröhnte es Gisi entgegen, als er durch den Torbogen, der den einzigen Ausgang dieser Sackgasse bildete, gehen wollte.

"Willdo ganich rein, iwill raus, ansLich! Und anLan! Isso dunkl, unalls bewegsisch. So – langsam – hin – und – her." Ein würfeliges Husten bemächtigte sich seiner.

"Eh! Reiher woanders hin, du Sack! Nichin meim Hof! Wer solln das wieder sauber machen?" Der so sprach, packte Gisi am Kragen und beförderte ihn recht unsanft durch das Tor auf die davor liegende Flaniermeile der Altstadt, wo selbiger über seine Füße stolpernd zu Boden sank. Und dann gingen seine Lichtlein aus...

2009-06-19

Long Time No See

Ja, meine Lieben, die olle Schachtel hat sich schon länger nicht mehr gemeldet. Aber so ist das leider mit diesem Web 2.0-Gedöns. Man fängt es irgendwie an, und dann findet man keine Lust, Zeit oder whatever, jedenfalls ist das nicht-virtuelle Leben dann doch echter und unmittelbarer.

Trotzdestonichts will ich wieder weitermachen. Also künftig wieder regelmäßig die schon vorhandenen Kapitel, und dann auch immer wieder mal ein paar Brocken neuen Geschriebenens. Denn meine Freundin Tamara und ich haben beschlossen, die Opern-Seife fortzusetzen. Freut Euch also auf neue Kapitel der Opern-Seife.

2007-03-12

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 4)

4
Gisi ging wie in Trance die Straße zur Uni lang. SIE ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sie, deren gazellengleiche Figur wie aus einem Hollywoodfilm entsprungen zu sein schien, mit deren rauchiger Stimme es selbst eine Nachtclubsängerin nicht aufnehmen konnte, deren Gesicht wie von einem antiken Bildhauer gemeißelt zu sein schien...
Gisi war verknallt. So richtig verknallt. Und dann fiel ihm auf, daß er sich keinen Gefallen damit tat, wenn er weiterhin auf dem schönen Kevin herumhackte, so sehr er ihn auch verabscheute. Denn wenn er weiter auf Kevin herumhackte, was diesem im übrigen nur recht geschah, mußte er damit rechnen, daß Kevin sich bei Loretta über ihn beschwerte. Und das würde seine Chancen bei ihr auf ein Minimum reduzieren... So sehr es ihm auch widerstrebte, zuerst mußte er zusehen, daß Kevins Ruf am Fachbereich wieder besser wurde. Und zuerst würde er mit Johansson reden.
Was gar nicht so leicht ist. Johansson gehörte zu jener Spezies Lehrkräfte, die sich eigentlich ganz der Forschung hingeben wollen würden, zumindest manchmal. Jedenfalls war es fast unmöglich, ihn außerplanmäßig zu sprechen, wenn man nicht gerade sein Lieblingsstudent, Fields-Medaillenträger, seine Raumpflegerin oder seine Sekretärin war. Auf Gisi traf keines der vier zu, den Raumpflegejob hatte er entnervt aufgeben müssen.
Unter den mitleidigen Blicken der in diese Gänge verdammten Sekretärinnen—hierher verirrten sich selten Studis—klopfte er nervös an Johanssons Bürotür, die unvermittelt sogleich aufsprang.
"Ahh, guten Morgen, Herr Gregorius, kommen Sie herein. Was treibt Sie denn in meine Arme?" Eine solch fröhliche Begrüßung hatte Gisi nicht erwartet, erst recht nicht von Johansson. "Ihre überfällige Seminararbeit? Die heutige Kommissionssitzung? Oder vielleicht ein neues Gerücht, das dem Kaffeekollektiv entgangen ist?" Gisi bekam es mit der Angst zu tun, dieser Mann stand gewiss unter Drogen.
"Ich, äh, also, ich, äh,..." stammelte Gisi.
"...bin außer mir. Sagen Sie es ganz langsam, und vergessen Sie nicht, zwischendurch zu atmen." Johansson klang dabei kein bißchen fies, wie er es sonst zu tun pflegte, er schien es ernst zu meinen. Gisi versuchte zu fliehen, aber er stand regungslos vor Johansson wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange—nur dass Johansson als gefährlicher galt. "Ihr letztes Gerücht, ein Meisterstück, würdig einer antiken griechischen Komödie. Und wissen Sie, was das beste daran ist?"
"N-n-äh-n-nein." Oh Gott, dachte Gisi, ich werde wieder zwei Jahre zum Logopäden müssen, wenn ich hier jemals lebend rauskomme.
"Es ist kein Gerücht! Es ist die reinste Wahrheit, Schmieke-Heinrichs ist einfach süüüüß. Und weil es die Wahrheit ist, wird es Ihnen auch niemand glauben." Das war einfach zuviel. Gisi war ja einiges gewohnt, wenn es um Gerüchtestrickerei ging, aber Johanssons Offenbarung war einfach zu viel für ihn. Er beschloss, dass es keine Schande sei, wenn er jetzt in Ohnmacht fiele. Schluchzend brach er zusammen und in eine tiefe Bewußtlosigkeit.
Na wunderbar, da hab ich mal wieder was für meinen guten Ruf getan, dachte Johansson vor sich hinsummend. Aber heute konnte ihm nichts die Stimmung vermiesenen, denn Ludwig kam, sich vorzustellen.
Die Tür öffnete sich, und ein trat der wissenschaftliche Mitarbeiter Claudius Strohalm.
"Ah, der Herr Strohalm", sagte Johansson zynisch.
"Was ist denn hier los?" fragte Claudius entgeistert, als er den auf dem Boden liegenden Gisbert sah.
"Der junge Mann hatte einen kleinen Schwächeanfall", sagte Johansson ungerührt und widmete sich weiterhin der Betrachtung von Ludwig Reimers Konterfei.
"Sie können den Herrn doch nicht einfach so hier liegenlassen", sagte Claudius empört und beugte sich hinunter zu Gisbert, um ihm Erste Hilfe zu leisten. erste Hilfe war Claudius' ganze Leidenschaft, er leistete sogar Leuten erste Hilfe, die gar nicht verletzt waren.
"Der kommt schon wieder zu sich", brummte Johansson.
Und so war es auch. Gisbert schlug die Augen auf und sah als erstes Claudius über ihm.
"Neiiiiin", brüllte er, "ich hab doch gar nichts gemacht!"
"Sag ich doch auch gar nicht", sagte Claudius verunsichert. Aber dann fiel Gisi wieder ein, was Johansson ihm vor seiner Ohnmacht verklickert hatte. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz um und türmte. Bloß weg hier.
Claudius sah Johansson an.
"Was um alles in der Welt haben Sie denn mit dem gemacht?" fragte er.
"Nix", sagte Johansson. "Der spinnt nur ein bißchen, das ist alles."
Arschloch, dachte Claudius. Aber Johansson war sein Doktorvater, also hielt er die Klappe. Zum wiederholten Mal fragte er sich, wie er auf die kamikaze-artige Idee gekommen war, ausgerechnet bei der unbeliebtesten Person am Fachbereich seine Doktorarbeit schreiben zu wollen.
"Wollten Sie noch was?" fragte Johansson.
Claudius schüttelte den Kopf und schloß die Tür hinter sich.

Wie ferngesteuert rannte Gisbert durch die Gänge des Instituts, nicht wissend, wohin er lief. Hauptsache weg von hier. Das war alles ein wenig zu viel für ihn. Erst diese Lusche Löber, der so weinerlich war, dass er jede sich bietende Gelegenheit verstreichen ließ, selbst wenn sie laut "Ergreife mich!" schrie. Dann die herzzerreißende Liebesszene in Schorschs Flur, von der er lieber ein paar Details weniger mitbekommen hätte (auch wenn Gisi nicht leugnen konnte, dass der Anblick von Kevins Adonis-Körper ein sehr schöner war). Und da war sie – Loretta! Diese Frau war einfach..., also Gisi war hin und weg. Er war von ihr magisch, oder magnetisch, angezogen. Für sie würde er alles tun, sogar den Ruf ihres Mitbewohners Kevin wieder her zu stellen. Der Versuch hatte ihn allerdings viel, vielleicht zu viel gekostet.
Diese und ähnliche Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, während er nun durch die Straßen der Stadt irrte. Ziellos. Allein. Einsam. Verwirrt.

Schorsch saß in Kunigundes Zimmer auf dem Bett und heulte sich nach wie vor die Augen aus dem Kopf.
"Jetzt sach mir doch mal", schluchzte er, "was hat denn dieser blöde Ossischönling, was ich nicht habe?"
Kunigunde verdrehte mit einer Mischung aus Genervt- und Verträumtheit die Augen.
"Klasse. Ausstrahlung. Blonde Haare. Sexysein. Tolle Figur. Das gewisse Etwas....", sagte sie.
Schorsch schnaubte.
"Ja, toll. Aber mal abgesehen von Klasse, Ausstrahlung, blonden Haaren, Sexysein, toller Figur und dem gewissen Etwas - WAS hat er, was ich nicht habe???"schrie er.
Kunigunde schwieg.
"Siehste", sagte Schorsch, "sonst fällt dir auch nichts ein."
Damit ging er auf Kunigunde zu und wollte sie küssen.
"Spinnst du?" schrie Kunigunde. "Ich will nichts von dir! Du bist ja total krank! Kein Vergleich zu Kevin!"
"Kevin ist auch krank", sagte Schorsch.
"Ist er nicht!" fauchte Kunigunde.
"Doch, ist er wohl!" sagte Schorsch. "Kuni, möchtest du heute abend mit mir ausgehen?"
"Die Frage hab ich nicht gehört", sagte Kunigunde.
Schorsch stand ohne ein Wort auf und ging hinaus. Suchte aber nicht sein eigenes Zimmer auf, sondern klopfte an Lorettas Tür. Hier war professionelle Hilfe gefragt.
"Komm rein, Schorsch." Woher wusste sie eigentlich, dass er es war? Manchmal war ihm Loretta einfach unheimlich. Nun doch etwas zögerlich betrat er Lorettas Zimmer.
"Wurde aber auch Zeit, dass Du bei mir reinschaust. Und weißt Du was? Du hast ein Problem!" Schorsch schluckte, jetzt hatte er nicht nur EIN Problem, sondern sicherlich ein ganz großes Problem.
"Ehrlich gesagt, Du hast nicht nur ein Problem, sondern viele Probleme," fuhr Loretta fort. "Aber setz Dich doch erst Mal," meinte sie und verwies ihn auf ihr großes, rotes Sofa, auf das er schwächelnd fiel.
"Sie liebt mich nicht,"schluchzte Schorsch kaum verständlich und brach in einen neuen Tränenstrom aus.
"Natürlich nicht, was dachtest Du denn? Dass sie es toll findet, wenn Du heimlich ihren Wäscheschrank durchstöberst?" Schorsch blickte völlig verstört zu Loretta auf, woher wusste sie das denn schon wieder.
"Aber ich hab doch..." stammelte er.
"...nur mehr über sie erfahren wollen." fiel ihm Loretta ins Wort. "Georg, Dir gehört Mal gehörig der Kopf gewaschen. Right here, right now. Wenn Du schon Deiner Angebeteten hinterspionierst, dann solltest Du das richtig machen, nicht so dilettantisch." Schorsch schnappte nach Luft. Nicht nur, dass sie ihm den Todesstoß geben wollte, wo er doch eh schon ganz unten war, nein, sie nannte ihn auch noch bei seinem amtlichen Namen, das machten nicht einmal die Verwaltungsangestell­ten im Immatrikulationsbureau.
"Ich kenne jede Diele in dieser Wohnung samt ihres charakteristischen Knarzens. Und wenn Du schon in Kunis Zimmer schleichst, mach wenigstens die Tür hinter Dir zu." Irgendwie tat Schorsch ihr ja leid, aber es musste sein. Wie sollte sie sonst einen neuen Menschen aus dieser Hülle hervorzaubern?
"Also", sagte Loretta, "was genau hattest du an ihrem Wäscheschrank zu suchen? Und glaub nicht, daß ich nicht weiß, daß du nicht nur im Schrank geguckt hast!"
Schorsch hatte seine liebe Mühe, diesen mit Verneinungen gespickten Satz zu entschlüsseln, als es ihm endlich gelungen war, lief er dunkelrot an. Loretta wurde ihm langsam unheimlich.
"Was meinst du damit?" versuchte er Zeit zu gewinnen.
"Georg, verkauf mich doch nicht für dumm!" sagte Loretta energisch. Schorsch zuckte zusammen. Schon wieder. Zweimal innerhalb einer Viertelstunde Georg genannt zu werden war ihm zuletzt auf dem Standesamt bei seiner Geburt passiert, und nicht mal daran konnte er sich noch erinnern.
"Ich weiß genau, daß Kunigunde nach deinen ungebetenen Besuchen immer mal wieder welche von ihren Spitzenslips vermißt hat. Du weißt nicht zufällig was darüber?"
Statt einer Antwort errötete Schorsch noch tiefer, wenn das überhaupt noch möglich war.
"Aha", sagte Loretta trocken. "Jetzt hör mir mal genau zu: Du läßt in Zukunft die Finger von Kunis Wäscheschrank, ok?"
"O - ok", stotterte Schorsch, "soll ich ihr denn die anderen Slips wiedergeben?"
"Wäre anzuraten", sagte Loretta trocken.
"Ich kauf ihr auch gleich ein paar neue!" sagte Schorsch eifrig.
Loretta verzog das Gesicht. Eigentlich erstaunlich. Sie hätte nie gedacht, daß Kunigunde überhaupt wußte, was ein Spitzenslip war, geschweige denn welche besaß.
"Danke, Loretta", sagte Schorsch und verzog sich in sein Zimmer, um dort zum letzten Mal seine ganz private Kunigunde-Spitzenslip-Sammlung zu inspizieren. Es brach ihm fast das Herz, wenn er daran dachte, daß er die duftigen Wäschestücke, die so gut nach Kunigunde rochen, nun zurückgeben sollte.

"Schorsch," rief Loretta ihm hinterher, aber zu spät. Nun gut, Kunigunde wäre wohl als nächste dran, zusammengestaucht zu werden, bevor Kevin an die Reihe käme. Und wie sie Kuni kannte, würde es nicht allzu lang dauern. Drei – zwei – eins: "Komm rein, Gundel."
"Moin Loretta," sagte Kuni beim Eintreten, "Du wolltest mich sprechen?"
"Das kann man wohl sagen." Kuni verzog das Gesicht, unter anderem auch weil Loretta sie Gundel genannt hatte, das verhieß nichts Gutes. "Mach die Tür hinter Dir zu, setz Dich, schlürf 'nen Tee. Und dann hör zu." Das saß, wenn Loretta so geschäftsmäßig zu Gange war, war mit ihr nicht zu spaßen. Und zumeist hatte sie einen echt guten Grund. "Ich hab zwar nicht die ganze Show mitbekommen, aber so ganz unschuldig daran bist Du wohl nicht, oder?"

Schweigen. Langes Schweigen.

"Gundel, ich rede mit dir", sagte Loretta.
Kunigunde lief rot an.
"Er ist doch soooo... sooooo...." stotterte sie.
"Wer?" fragte Loretta. "Schorsch?"
"Ach was, doch nicht Schorsch!" schnaubte Kunigunde.
"Dann also Kevin", sagte Loretta. "Wieder mal."
"Und?" fragte Kunigunde schnippisch.
"Hör mal, meine Liebe, findest du nicht, daß du ihn endlich mal in Ruhe lassen solltest?" fragte Loretta.
"Wen?" fragte Kunigunde dämlich.
"Du weißt genau, wen ich meine. Was genau ist heute morgen passiert?"
Kunigunde wurde rot wie ein Glas bester Bordeaux.
"Ist das nicht offensichtlich?" fragte sie zaghaft.
"Ich will es von dir hören", sagte Loretta unbarmherzig.
"Nun", sagte Kunigunde, plötzlich grimmig entschlossen zur Flucht nach vorne, "er hat telefoniert und hatte mal wieder nur ein Handtuch um die Hüften. Daraufhin hab ich mich ein bißchen hübsch gemacht, und als ihm das Handtuch runtergefallen ist, habe ich versucht, ihn zu verführen."
"Und?" fragte Loretta.
"Was, und?" gab Kunigunde zurück.
"Hat's geklappt?"
"Klar hat's geklappt", sagte Kunigunde stolz. "Ich war dem Mann meiner Träume so nahe wie nie zuvor! Wenn ich Glück habe, bekomme ich jetzt ein Kind von ihm."
Loretta starrte sie an und fing plötzlich schallend an zu lachen. Kunigunde wurde ganz anders, wenn das überhaupt noch möglich war.
"Kuni, die einzige, die heute ein Kind von Kevin empfängt, bin ich. Vielleicht noch meine Schwägerin Rike – und die verhütet." Ein breites Lächeln legte sich über Lorettas Gesicht, wohingegen Kuni verwirrt dreinschaute. "Jetzt guck nicht so blöde. Deine Periode fällt zufälligerweise immer mit meinem Putzdienst im Bad zusammen. Daraus kann man, ich zumindest, extrapolieren, wann deine fruchtbaren Tage sind. Und die sind ganz bestimmt nicht heute!" Kuni fiel die Kinnlade runter, sie begann wie ein Fisch an Land nach Luft zu schnappen. Loretta legte ihre Hand tröstend auf Kunis Schulter.
"Alle meine Träume, nur eine Seifenblase, die zerplatzt..." schluchzte Kunigunde in das Taschentuch, das Loretta ihr ins Gesicht hielt.
"Ehrlich gesagt, sei froh!" warf Loretta ein. "Zum einen wäre ein Kind jetzt ungefähr das letzte, was du gebrauchen kannst. Zum anderen ist Kevin nun wirklich nicht der strahlende Held, für den du ihn hältst."
"Und dann betrügt er mich auch noch mit dieser liederlichen Zicke Friederike."
"Stop!" Loretta konnte nur mühsam ihren Zorn unterdrücken, auf ihre Lieblingschwägerin ließ sie nichts kommen. "Rike ist nicht zickig und schon gar nicht liederlich!! Nur weil sie nen Kerl schon mal schneller in die Wüste schickt, als der denken kann... Kunststück. – Und weder rein technisch noch irgendwie sonst hat Kevin dich betrogen."
"Aber er hat mich doch geliebt..."
"Gundel, werd erwachsen!!! Er hat dich nicht geliebt, er hat im besten Fall 'Liebe gemacht' und nichts anderes." Mit diesen Worten schüttelte sie die angesprochene leicht. "So wie du dich gerierst, können sich nur Wahnsinnige in dich verlieben. Aber was anderes: Es war dein erstes Mal?"
Kunigunde zuckte zusammen. So direkt brauchte Loretta nun wirklich nicht zu werden!
"So direkt brauchst du nun wirklich nicht zu werden!" beschwerte sie sich.
"Ach Kunilein", säuselte Loretta, "ich kenn dich doch viel besser als du dich selber."
Kunigunde zuckte die Schultern. Da war was dran. Immerhin sagte Loretta nicht mehr Gundel zu ihr.
"Also, was jetzt?" bohrte Loretta nach. Kunigunde sah sie fragend an.
"Hat er dich jetzt entjungfert oder nicht?"
Kunigunde druckste herum und sagte dann: "Hmmm... also... nicht so richtig..." Loretta starrte sie entgeistert an.
"Was heißt da 'nicht so richtig'?"
"Na ja", sagte Kunigunde, "in der zehnten Klasse, da habe ich irgendwann auf einer Fete mal Waldemar Meckermeister geküßt. Aber das gilt wohl nicht, oder?"
"Waldemar Meckermeister?" gluckste Loretta. "Mein Gott, wie besoffen warst du denn da?"
"Gar nicht besoffen!" verteidigte sich Kunigunde. "Aber er war ziemlich besoffen, deshalb habe ich auch nur seine Wange erwischt."
Aua, dachte Loretta. Wenn sie jetzt noch einen Satz sagt, dann breche ich wirklich zusammen. Sie mußte sich selber für ihre ungewöhnliche Selbstbeherrschung bewundern, denn ohne auch nur mit den Mundwinkeln zu zucken sagte sie: "Kuni, jetzt hör mir mal zu. Vergiß mal deine Waldemar Meckermeisters und Kevin Schmieke-Heinrichses. Es gibt noch andere Söhne schöner Mütter. Und die warten nur auf dich! Also, mach dich hübsch und erober die Welt, ja?"
Kunigunde errötete zart wie eine junge Rose, stand lächelnd auf und verließ das Zimmer.
"Ach, Kuni?" rief Loretta hinter ihr her.
"Was?" Kunigunde drehte sich herum.
"Woher hast du eigentlich diesen umwerfenden Tigerbody?"

* * *

Heißes Wasser prasselte auf ihn hinab, dichte Schwaden von Dampf umhüllten ihn. Welch eine Wohltat dachte Kevin, als er die Ereignisse des Vormittags noch einmal Revue passieren ließ. Nie wäre es ihm in seinen wildesten Träumen in den Sinn gekommen, dass er jemals mit seiner etwas unterbehübschten Mitbewohnerin den Austausch von Körpersäften vornähme. Grundgütiger, warum musste er ausgerechnet Kuni seiner Sammlung nicht immer ganz freiwilliger Sexualkontakte hinzufügen? Um sich dann dabei auch noch vom Rest seiner WG und seinem Erzfeind Gisbert Gregorius ertappen lassen. Und als ob das nicht schon genug wäre, lag noch ein hammerharter Tagesrest vor ihm, von der bevorstehenden Konfrontation mit seiner nun-wohl-doch-nicht-künftigen Freundin Friederike nicht zu reden. Was er sonst immer so leicht hinwegwischen konnte, dafür reichten heute Wasser und das Axt-Duschgel nicht aus, er würde wohl jemanden zum Ausheulen brauchen. Mist! Rike kam dafür leider nicht in Frage, die klang nämlich am Telephon ungewöhnlich ungehalten.
"Kevin, mach auf. Ich brauch noch etwas warmes Wasser zum Spülen." O Gott, hörte das denn nie auf? Nur widerwillig verließ Kevin die wohlige Wärme der Duschkabine in Richtung Badezimmertür.
"Loretta, kann das Geschirr nicht bis morgen warten?"
"Das Geschirr schon," entgegnete selbige verschmitzt, als sie eintrat, "Deine Gardinenpredigt nicht."
"Mein Gott, dann mach halt", knurrte Kevin. Schweigend ließ Loretta warmes Wasser einlaufen. Kevin wollte sich wieder in die warme Dusche verziehen, nur war die Dusche leider gar nicht mehr warm.
"Verdammt nochmal, Loretta, du brauchst das ganze heiße Wasser!" beschwerte er sich.
"Erstens, mein Schätzchen", gurrte Loretta, "hast du heute schon mal geduscht, und zweitens kann ich besser mit dir reden, wenn nicht zwischendrin noch das Wasser plätschert."
"Du plätscherst aber doch auch mit Wasser!"
"Das ist was anderes."
"Na schön." Kevin setzte sich auf den Badewannenrand und sah Loretta beim Geschirrspülen zu.
"Sag mal, Kevin, ist dir eigentlich bewußt, daß du immer noch splitterfasernackt bist?" fragte Loretta anzüglich.
"Und?" fragte Kevin. Jetzt war schon alles egal. Bei Loretta sowieso. Loretta war Friederikes Schwägerin und somit tabu, bisher jedenfalls.
"Willst du dir nicht was anziehen? Das letzte saubere Trockentuch brauch ich allerdings für das Geschirr."
"Nö", sagte Kevin, "ich will nachher weiterduschen."
"Na gut", säuselte Loretta, "dann laß dich mal ansehen."
"Wie bitte?" fragte Kevin entgeistert.
"Ich will genau wissen, was der armen kleinen Kunigunde das Herz gebrochen hat. Mußtest du denn ausgerechnet sie zu deiner Käfersammlung hinzufügen? Es reicht doch, was du sonst schon anrichtest, oder?"
Kevin lief rot an vor Wut. Das schlug ja dem Faß den Boden aus.
"Erstens hat sie sich durchaus frei- und bereitwillig in diese meine Käfersammlung, wie du es nennst, begeben, und zweitens hatte ich, als sie angefangen hatte, auch kaum noch eine Wahl!"
"Wie meinst du das?" fragte Loretta konsterniert.
"Soll ich dir mal sagen, was sie gemacht hat?" sagte Kevin verärgert, "das hier!" Damit packte er Lorettas Hände und legte sie auf seinen Hintern. Dann steckte er ihr die Zunge in den Hals.
"So", sagte er nach einer langen, langen Knutscherei, die bei weitem nicht so dilettantisch war wie das, was sich heute morgen mit Kunigunde ereignet hatte. "Würdest du dich da noch wehren können? Kuni war zu allem entschlossen!"
"Das kann ich verdammt gut verstehen", schnurrte Loretta und legte ihre Hände wieder zurück.
"Äh – Loretta? Du wolltest doch Geschirr spülen..." sagte Kevin. Jetzt wurde ihm langsam mulmig.
"Das Geschirr kann warten", sagte Loretta.
"Ach ja, jetzt auf einmal", maulte Kevin. "Dann kann ich ja jetzt auch weiter duschen."
Das Funkeln in Lorettas Augen bei diesen Worten ließ seinen Magen in die Knie sinken. Und gleichzeitig wurden ebendiese Knie plötzlich ganz schön weich.
"Hättest du was dagegen, wenn ich mitkomme?" fragte Loretta. Kevin wollte "Ja" sagen, aber er bekam keinen Ton heraus. Mit diesen Worten schob sie ihn –ihre schlanken Hände auf seinem ansehnlichen Gesäß– in die Duschkabine. Kevin wollte protestieren, doch es war ihm unmöglich. Loretta machte die Kabinentür hinter ihm zu und wandte sich wieder dem WG-Geschirr zu.
"Arrghh!!! Loretta!" — "..."

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So, das war das vierte Kapitel. Und wenn Ihr's nicht erwarten könnt, wie es weiter geht, dann könnt Ihr beim Orchideen-Verlag gleich den ganzen Rest beziehen.

Hilfe! Grippe!!

Ach Kinnings. Vorletzte Woche hat mich die Grippe dahingerafft. Die halbe Woche im Bett, und schlafen, und alle zwei Stunden Husten, und überhaupt. Deswegen gabs auch kein weiteres Kapitel. Und am gerade vergangenen Wochenende war ich noch irgendwie verhindert, so dass ich das nächste Kapitel nicht unters Volk bringen konnte. (Lasst mich doch auch mal zu nem Hard Rock- und Heavy Metal-Konzert gehen. Ich fürchte nur, dass ich den Altersschnitt im Publikum deutlich gehoben habe.  ;-> Aber sonst ganz lustig. Und das Fiepen im Ohr ist auch schon längst wieder weg.)

In Kürze an diesem Orte also das 4-te Kapitel um Liebe und Leidenschaft bei Mathematikers, einer recht raren Spezies, die eine Nische als Lebensraum besetzt.

2007-02-25

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 3)

Und wie versprochen gibt es diese Woche das dritte Kapitel. Übrigens wohl das meist soßige, oder so ähnlich...


3

"… tu dois savoir qu'après toi je ne pourrai plus vivre qu'en souvenir de toi" tönte ein fünfundzwanzig Jahre alter Schlager aus dem Radiowecker und riß Herbert aus dem Schlaf.
Er war innerlich am Fluchen, schließlich sang Vicky Le­andros, was er fühlte; und es schmerzte so sehr.
Sehnsüchtig erinnerte er sich an seine Jugendliebe, Ramón Gumpski, damals ein blendend aussehender Jüngling. Herbert verlor sich in Gedanken daran, wie er seine Finger durch Ramóns blonde Mähne streichen ließ. Er war immer so stolz darauf gewesen, solch einen ver­wegenen Mann als Freund zu haben. Es waren glückli­che Zeiten, bis Ramón ihn dann während des Studiums verließ. Jetzt war er ein gefeierter Volksmusiksänger.
Mit einem Aufstöhnen, das nicht nur von der Erinne­rung an Ramón herrührte, krümelte sich Herbert aus dem Bett. Er war im Laufe der Jahre einfach zu ungelen­kig geworden. Das allmorgendliche Ritual auf der Waage besserte seine Stimmung auch nicht. Schon wieder 53 Gramm zugelegt, und auf der traditionellen poly­nesischen Gebeinwaage sind das erschreckende 7 Teil­striche. Und eine Erinnerung mehr an Ramón, der seine romantische Vorliebe für Völkerkunde und Kakao zwar nicht geteilt hatte, jedoch jede Gelegenheit wahrgenom­men hatte, seinem Schoko-Bärchen eine Freude zu berei­ten. Als wäre es erst gestern geschehen, sah Herbert den Edlen Wilden vor sich, den Ramón so echt gespielt hatte, als er ihm diese Waage zum 22. Geburtstag schenkte.
Alles vorbei. Herbert sah ein, daß diese recherche aux temps perdus ihm Ramón niemals zurückbringen würde. Aber was sollte er nur machen? Er zog Bilanz, ungeach­tet der eben erkannten Erkenntnis. Was war ihm in diesem Leben geschenkt worden, außer einem feurigen Ex-Liebhaber, der zwar zugegebenermaßen knusprig ge­wesen war und es auch heute immer noch war, dessen Anblick Herbert aber bei jedem zufälligen Zapp mit der Fernbedienung außer Fassung brachte – um so mehr, als Ramón die Angewohnheit hatte, sich beim Singen mitun­ter bis auf den Tanga zu entblößen, was sein weibliches Publikum schier zur Raserei brachte? Zwei geldgierige Ehefrauen, ein Job, den er haßte und der ihn im gleichen Maße zurückhaßte, ein paar schnuckelige Sahneschnitt­chen, an die er ums Verrecken nicht herankam, und einen Haufen Kollegen, die ihn kreuzweise konnten.
Er war einfach fertig mit der Welt.

Schweißgebadet erwachte Kevin aus einem Alptraum – seinem Alptraum. Als ob die letzten Tage nicht genug ge­wesen wären. Das von seinem Kommilitonen Gisbert ge­streute Gerücht, der alte Johansson hätte es auf ihn abgesehen, war zum Selbstläufer geworden. Daß Jo­hansson es auf ihn abgesehen hatte, war eigentlich seit ihrem ersten heftigen Wortgefecht in Kevins erstem Se­mester klar, aber daß das alte Ekel es so auf ihn abgese­hen hätte, stand nicht auf dem Plan. Kevin fühlte sich to­tal beschissen. Selbst seine Freunde schauten ihn schief an und wurden plötzlich still, wenn er in den Raum kam. Sogar die Profs, die sonst nie etwas mitbekamen, schenkten ihm in ihren Seminaren ein mitleidiges Lä­cheln. Kein Wunder, daß Johansson und Gisi ihn sogar noch im Schlaf verfolgten.
Das Geräusch prasselnden Wassers in der Dusche hät­te ihn normalerweise allein schon aufgemuntert, doch nicht so heute. Die Rasur ließ er diesmal auch besser sein, er hatte sich schon gestern ein paar hübsche Schmisse dabei zugezogen. Und die Ringe unter den Augen waren sogar seinem sonst so weltfremden Mitbewohner Schorsch Löber (so stand es auf dem Klingelschild) aufgefallen.
"Wie soll ich diesen Tag bloß überstehen? Zwei Hammer-Vorlesungen und dann noch Kommissions­sitzung, vermutlich bis in die Nacht," fragte sich Kevin laut, als er in die karierten A&F-Boxershorts stieg, die ihm "Miss Betonfrisur", der Hausdrache des Fachbe­reichs, anläßlich des 10. Monatstages eines näheren Zu­sammentreffens überreicht hatte. Schon wieder so ein Tiefschlag, und dieses Abenteuer hätte ihn damals beina­he das Vordiplom gekostet.
Irgendwie schien Unheil ihn zu lieben.
Aber offenbar liebte er das Unheil auch zurück. Wie sonst war es zu erklären, daß er, als das Telefon durch die Wohnung schrillte, wie ferngesteuert aus der Dusche sprang und ans Telefon stürmte, wobei er sich im Laufen noch ein Handtuch um die Hüften wickelte, obwohl ihm doch eigentlich klar war, daß es nur wieder eine von sei­nen Verflossenen sein konnte. Zu allem Überfluß gewann er nur knapp den Wettlauf zum Telefon gegen seine grottenhäßliche Mitbewohnerin Kunigunde, Soziologin, die ihn für den schönsten Mann auf der Welt hielt und nichts lieber getan hätte, als ihre Unschuld an ihn zu ver­lieren.
Kunigunde zog ihm mit Blicken das Handtuch von den Hüften, warf ihm Schmachtblicke zu, auf denen sogar Roland Kaiser ausgerutscht wäre, murmelte "Oh du gött­licher Adonis, raube mir die Sinne", trollte sich aber dann nach einem Mörderblick doch wieder in ihr Zimmer, wo sie dann ihr Ohr fest gegen die Tür gepreßt hielt, um auch ja nichts von dem Gespräch zu verpassen.
Kevin nahm den Hörer ab, nuschelte "Gott sei Dank bin ich die los" und sagte "Schmieke-Heinrichs" in den Hö­rer.
"WEN bist du los?" keifte eine Frauenstimme aus dem Hörer, die Kunigunde hinter der Tür deutlich verstand, obwohl Kevin die Lautsprechertaste nicht aktiviert hatte. Kevin fuhr zusammen.
Friederike.
Oh verdammte Scheiße.
"Das geht dich überhaupt nichts an" antwortete Kevin kühl und automatisch. Er hatte sich angewöhnt, vollstän­dig zu blocken, wenn es um Frauen ging. Zu viele seiner "Verflossenen" hatten schon gegeneinander intrigiert, daß die Fetzen flogen. Und dabei war er eigentlich un­schuldig. Die Mädchen (ok, die Frauen) schienen auf ihn zu fliegen, wie die Bienen auf süßen Nektar. Er konnte sich wehren, wie er wollte, immer bekamen sie über­hand.
"Entschuldige bitte, aber …" begann Kevin etwas unbe­holfen. Friederike war keine seiner Verflossenen und sollte es auch nicht werden. Sie waren gerade dabei, so etwas wie eine Freundschaft aufzubauen. "…du kennst ja Kunigunde, meine entzückende Mitbewohnerin." Kuni­gunde erblaßte ob des giftig-süßen Tones dieser Worte hinter ihrer Zimmertüre.
"Wahrlich, ich hab ein paar Seminare mit ihr gehabt," entgegnete Friederike halbwegs versöhnlich. "Wie wär’s, Kev, wir machen heut abend was los? Kino, Kneipe, Kis­te." Friederike war hinreißend direkt.
"Liebend gerne, aber … nun, ich hab heut abend schon ein Date … mit Johansson, um genau zu sein." Kevin begann leicht hysterisch zu kichern, was am anderen Ende der Leitung durch ein schallendes, leicht dreckiges Lachen komplementiert wurde.
"Soso, ein Date mit Johansson. Man hört ja so eini­ges…"
"…und das allermeiste davon ist dummes Geschwätz!" sagte Kevin schnell. Das fehlte noch, daß Friederike jetzt auch noch diesem Gerücht aufsaß.
"Du kleiner Idiot, das weiß ich doch. Ihr habt wieder ’ne Sitzung von eurer komischen Kommission, oder?"
Kevin seufzte.
"Ganz genau. Und du glaubst gar nicht, wie wenig Lust ich d … - oh Gott, das glaub ich nicht!"
Kunigundes Zimmertür war aufgegangen, und heraus kam Kunigunde, angetan mit einem tief ausgeschnittenen Tigerbody, einem Mini, der knapp ihren Hintern bedeckte, und Pumps mit Pfennigabsätzen so hoch wie der Eiffelturm. Dazu hatte sie sich den gesammelten Inhalt ihres Make-up-Fachs ins Gesicht geschmiert. Kevin wußte gar nicht, daß sie ein Make-up-Fach hatte.
"Friederike, ich muß Schluß machen, ich erklärs dir später", sagte er hastig und legte auf.
"Mein Gott", sagte er zu Kunigunde, "was hast du denn vor? Hast du einen neuen Job?"
Leider war das genau der Moment, den das Handtuch um seine Hüften sich aussuchte, um zu Boden zu sinken.
Für mehrere Sekunden starrte Kevin Kunigunde nur peinlich berührt an, bevor er endlich auf den Gedanken kam, sein bestes Stück mit den Händen zu bedecken (auf den Gedanken, das Handtuch wieder aufzuheben, kam er nicht), natürlich viel zu spät. Sein Kopf war leergefegt. Diese Peinlichkeit würde er nicht überleben.
Kunigunde bekam Telleraugen. Dass der Vormittag eine so erfreuliche Wendung nehmen würde, hatte sie nicht erwartet.
"Um deine Frage zu beantworten: Dressed to kill, my Darling", säuselte sie, trat dicht vor ihn und platzierte ihre Hände auf seinen wohlgeformten Pobacken.
Kevin suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber es gibt nicht viele Rückzugsmöglichkeiten, wenn man einerseits von einer liebestollen Mitbewohnerin im Schwitzkasten gehalten wird und andererseits mit Rücksicht auf sensiblere Körperteile die Hände nicht frei hat.
"Kuni", stotterte er mit hochrotem Kopf, "komm, sei lieb, bitte nimm die Hände da weg."
Kunigunde lächelte – wie eine Schlange vorm Kaninchen.
"Fick mich", sagte sie.
"Wie bitte?!" rief Kevin verstört.
"Du hast mich doch genau verstanden, oder?"
Natürlich hatte er sie genau verstanden. Schon als sie aus ihrem Zimmer kam, hatte er gewußt, daß sie es drauf anlegte, von irgendwem vernascht zu werden. Aber mußte es ausgerechnet er sein?
Oh Himmel, konnte es denn noch schlimmer kommen?
Es konnte.
Kunigunde versuchte, ihre Zunge zwischen seine Zähne zu kriegen, was ihr weidlich gut gelang.
Kevin stand vollkommen neben sich. Das war ein Alptraum. Gleich würde er aufwachen. Was sollte er machen?
Schadensbegrenzung.
"Kuni hör auf!!!" brüllte er, aber es kam verständlicherweise als "U-I, ör au!" heraus. Dennoch hatte Kunigunde ihn offensichtlich verstanden, denn sie gab ihm die Gelegenheit, wieder artikuliert zu sprechen.
"Kuni, so geht das nicht", sagte er mit tiefem Luftholen. "Du bist die dilettantischste Küsserin, die auf meinen Lippen zu spüren ich jemals das Mißvergnügen hatte! Laß mal den Fachmann ran!"
"Ist nicht dein Ernst, oder?" fragte Kunigunde entgeistert.
"Doch! Da du mir ja unbedingt an die Wäsche willst, werd ich wenigstens versuchen, dir was beizubringen!"
"Du hast ja gar keine Wäsche an", schnurrte Kunigunde.
"Schnauze jetzt!" blaffte Kevin und preßte seinen Mund auf ihren.
Unter Kunigunde fing der Boden an, sich zu drehen.
Der Boden wäre allerdings schön an seinem Ort geblieben, hätte er gewußt, daß Kevin in diesem Moment die Augen fest zu hatte und in seiner Vorstellung mit Friederike rumknutschte. Und nur so war zu erklären, was er als nächstes tat.
Zuerst flog der Minirock auf den Boden, dann der Tigerbody gleich hinterher. Und schließlich sank Kevin mit Kunigunde in den Armen zu Boden, um dort das zu tun, worum sie ihn gebeten hatte.
Hier konnte er sich allerdings nicht mehr selbst belügen, denn Sex mit Friederike und Sex mit Kunigunde waren, milde gesagt, zwei verschiedene Dinge. Aber Kevin neigte nun mal dazu, die Dinge, die er angefangen hatte, zu Ende zu bringen, und wenn Kunigunde nun unbedingt von ihm beglückt werden wollte, bitte schön. Darauf kam’s jetzt auch nicht mehr an.
Erst als er den Schlüssel in der Tür hörte, ging ihm auf, was das möglicherweise für ein Fehler gewesen sein könnte.

* * *

"You can get it if you really want, but you must try, oh, you must try..." sang Gisbert laut, aber schräg.Schorsch hielt sich die Ohren zu. Auf offener Straße! Indigniert sah er Gisbert an.
"Is kein it, is ne she", brummelte er.
"Ach Herrgott, Schorschi, du bist echt ne trübe Tasse!" fauchte Gisbert.
"Ist ja schlimm genug, daß du ausgerechnet hinter Kunigunde her bist, aber daß du dich dann noch nicht mal traust, was zu sagen!!! Ich pack es nicht."
"Was sollichn ihrn sagen?" machte Schorsch.
"Dann sag ihr halt nichts und knutsch sie nieder, aber mach was, du Weichei!" blaffte Gisbert.
"Sollichn machn?" machte Schorsch. Gisbert gab es auf. Inzwischen standen sie ohnehin vor dem Haus, in dessen Dachgeschoß Schorsch sich mit Kevin, Kunigunde und Loretta eine Wohnung teilte. Loretta war transsexuell und hatte vorher Stan geheißen.
Schorsch schloß auf.
"Ist doch ganz einfach", sagte Gisbert beim Treppehochgehen. "Wenn wir oben sind, klopfst du an ihre Tür, und dann fragst du sie, ob sie heute abend mit dir einen trinken geht."
"Meinstu?" fragte Schorsch lahm.
"Ja, mein ich!" sagte Gisbert und fragte sich zum hundertsten Mal, warum er sich mit dieser Trantüte abgab.
"Na gut", sagte Schorsch und drehte den Schlüssel im Schloß der Wohnungstür. Das erste, was er sah, war Kunigunde, nackt, wie der Herrgott sie geschaffen hatte. Das war ja wie Ostern und Weihnachten zusammen. Aber dann sah er Kevin. Und stellte Zusammenhänge her. So dumm war nicht mal Schorsch. Irgendwie wußte sogar er, daß Kuni heute abend mit ihm wohl keinen trinken gehen würde.
"Kuni!!" schrie er voller Verzweiflung.
Das erste, was Gisbert sah, war Kevin, nackt, wie der Herrgott ihn geschaffen hatte, und dazu noch im Clinch mit Kunigunde. Das war wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Münchener Oktoberfest zusammen. Gisbert rieb sich die Hände. Wenn das erstmal am Fachbereich rum war...
Kevin sah einen glötzäugigen Schorsch und einen hämisch guckenden Gisi.
"Uaäöoih!!" krächzte er, bevor Kuni ihm wieder die Zunge in den Hals steckte.
"Kuni!!!!" kreischte Schorsch.
Schorsch, den sonst nichts aufregen konnte, nicht einmal der brennende Tannenbaum letztes Jahr zu Weihnachten, begann zu kochen. Das war einfach zuviel für ihn, die Frau seiner Träume, die er seit geraumer Zeit heimlich und heftig verehrte, in den Armen dieses gemeinen, ach-so-smarten Schönlings von Mitbewohner, den er sein eigen zu nennen die Ehre hatte. Ihr einer Göttin gleicher Körper entweiht durch ihn, der jeden Tag eine andere zu haben schien. Mit einem Hechtsprung stürzte er sich auf das Kevin-Kunigunde-Knäuel, riss an ihrem Arm und ging dem einmal mehr überwältigten Kevin an die Kehle. In dem entbrannten Ringen der beiden Studenten war kein Sieger auszumachen, es hätte wohl stundenlang so weiter gehen können.

"Bravo!" ertönte eine sonore Bassstimme. "Ihr feiert eine stilechte Toga-Party und ladet mich nicht ein." Die Blicke der drei Männer und einen Frau richteten sich nahzu synchron auf den Ursprung der Beschwerde. Eine atemberaubende Frau in einem schwarzen Hosenanzug mit scheinbar nicht enden wollenden Beinen, die in ob ihrer Höhe schwindelerregenden Stilettos ausliefen, lehnte im Rahmen der Küchentür.
"Loretta!" riefen ihre drei WG-Mitbewohner schockiert aus.
"Ja, ich glaube, das ist mein Name," entgegnete Loretta mit einem schelmischen Lächeln. "Und da ihr wisst, wo ich wohne, wäre es echt nett gewesen, mir Bescheid zu geben, wenn ihr – naja, zieht euch erst mal was über." Mit diesen Worten warf sie Kevin und Kunigunde jeweils ein Geschirrtuch zu, die auf magische Weise die schlimmsten Blößen bedeckten.
Während Schorsch sich langsam von Kevin losmachte und dabei den Blick nicht von Kunigunde wenden konnte, die nach Erhalt der Geschirrtücher sofort versuchte, des Schmieke-Henrichsen Geschirrtuchs habhaft zu werden, schaute sich dieser kopfschüttelnd in der Runde um und hatte plötzlich Mühe, nicht laut loszuprusten. Er wußte bereits in diesem Moment, daß diese Situation in der Liste der absurdesten Situationen seines Lebens für alle Zeiten auf Platz eins stehen würde. Und die Tatsache, daß Gisi Loretta praktisch mit den Augen auszog, machte es nicht besser. Oh mein Gott, Gisi. Der starrte Loretta an wie Adam seinerzeit Eva. Kevin konnte es förmlich "pling" machen hören. Sehr gut. Ein in Loretta verliebter Gisi würde ihm das Leben vielleicht ein bißchen leichter machen. Schorsch saß da wie ein Häuflein Elend und heulte sich die Augen aus dem Kopf. Da klingelte das Telefon. Jetzt war bei Kevin wirklich nichts mehr zu retten, er lag ausgestreckt auf dem Boden und lachte, daß sein Waschbrettbauch zitterte. Das Geschirrtuch hatte er längst Kuni überlassen. Da keiner der anderen Anstalten machte, den Hörer abzunehmen, schlurfte der immer noch heulende Schorsch zum Telefon.
"Löber?" krächzte er in den Hörer.
"Hi, hier ist nochmal Friederike. Ist der Kevin da?" kam es deutlich vernehmbar aus der Muschel. Schorsch warf Kevin einen Blick zu, der Unsterbliche niedergenietet hätte.
"Der kann jetzt nicht, der hat gerade Kunigunde vernascht", sagte er.
"Gut, Schorsch, wenn er jetzt damit fertig is, gipsu ihn mir mal ans Rohr. Und zwar instantan!"
"Ma'am, yes, Ma'am," war Schorschs kurze, aber knackige Antwort. Und vom vorletzten Pfadfindertreffen im australischen Outback, als Friederike seine Scharführerin war, wusste er es besser, als ihr zu widersprechen.
"Kev, beweg deinen Arsch und alles, was da dran hängt, hierher, Rike will dich sprechen." Seine Niedergeschlagenheit schien verpflogen, hier war eine wilde Horde von Girl & Boy Scouts, die in eine geordnete Schar fröhlicher, feiernder, glücklicher junger Menschen übergeführt werden wollte.
"Sachma, bist du eigentlich völlig übergeschnappt?" brüllte Friederike ins Telefon - für Kunigunde, Loretta, Gisi und Schorsch klar verständlich und für Kevin entschieden zu laut.
"Wasn los?" fragte Kevin, obwohl er natürlich genau wußte, was los war.
"Dein geistesschwacher Mitbewohner hat gerade gesagt, du hättest Kunigunde vernascht! Ist bei dir der Notstand ausgebrochen, oder was ist los?"
Schorsch wurde kreideweiß im Gesicht, als ihm klar wurde, daß mit dem geistesschwachen Mitbewohner niemand anders gemeint war als er selber. Wie konnte sie es wagen!
"Fritzi, sag mal, wofür hältst du mich eigentlich?" fragte Kevin.
"Für einen Arsch mit Ohren!" blaffte Friederike. "Und damit das klar ist, heute abend ist nix mit Kommission! Heute abend ist genau das, was ich dir vorhin vorgeschlagen habe! Kino, Kneipe, Kiste! Und wenn du den Namen Kunigunde auch nur denkst, kannst du was erleben!"
"Ich habe nicht die Absicht", sagte Kevin, schwitzend bei dem Gedanken, Gisi alleine in der Kommission sitzen zu lassen.
"Das will ich hoffen. Bis nachher", knurrte sie und schmiß den Hörer auf die Gabel.
Puh. Das war gerade nochmal gutgegangen.

* * *

Nur widerwillig wandte sich Friederike dem rasselartig klingelnden Fernsprecher zu und führte den Handapparat ans Ohr.
"Ja." Irgendwie war sie am Kochen.
"Hör mal Rike..."
"Stan!" rief sie entspannt aus. Es war ihr immer eine Freude mit ihrem Schwager zu sprechen, der so gar nicht in Ihre Familie und zu seiner Frau Marsha passte.
"Loretta, bitte, falls Du das noch immer nicht mitgekriegt hast."
"Du weißt, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, und schon gar nicht dass ich jetzt statt ner Schwester nen Bruder hab. Pah! Donatus! Was für ein Name!"
"Marsha hat schon immer nen kleinen Hau weg gehabt, sonst hätt ich sie ja nicht geehelicht. Aber was anderes: Was machst Du den armen Kevin so fertig? Wenn der nicht gleich einen von meinen Cocktails eingeflößt bekommt und betüdelt wird, hab ich bald die Wohnung für mich alleine."
"Häh? Die drei ziehen aus? Ich bin ein bisserl außer Tritt."
"Guckst Du an mein WähGäh, is das normall. Wie wär's, wir sprengen dem Kevin seine Kommissionssitzung heut abend, ..."
"Liebend gerne," entgegnete Friederike, "die ham ein wenig Spass verdient."
"...und Du hilfst mir, ein paar Intrigen zu spinnen? Strafe muss sein." Wozu man wissen musste, dass Loretta oft Nachtschichten machte.

2007-02-16

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 2)

2
Herbert öffnete die Tür und stellte fest, daß schon alle da waren. Neben Kevin und Rupert waren das noch Paul Schlieberg, Hans-Georg Lindner und Maximilian Mei­erhoff, allesamt Mathematikprofessoren, der Physik­professor Leonhard Franzis, der wissenschaftliche Mit­arbeiter Claudius Strohalm und ein weiterer Student, dessen Namen Herbert entfallen war. Schlieberg eröff­nete die Sitzung.

"Guten Tag meine Herren. Nachdem wir ja alle vollzäh­lig versammelt sind, können wir ja anfangen. Ich nehme an, Sie haben sich alle ausgiebig die Unterlagen angese­hen, so daß wir jetzt die Kandidaten einzeln durchgehen können."

Mühsam wurde die Liste durchgearbeitet. Letztendlich konnte man sich auf acht Personen einigen, die einge­laden werden sollten. Unter ihnen war zu Herberts großer Freude auch Ludwig Reimer. Allerdings war auch ihm klar, daß Karin Hingenbrecht die absolute Favoriten auf diese Stelle sein würde.



"Na, Herr Schmieke-Heinrichs", sagte Herbert beim Rausgehen spöttisch zu Kevin, "da sind Ihre Wünsche wohl mal wieder in Erfüllung gegangen."

Kevin seufzte innerlich. Dieser Idiot!

"Natürlich", bemerkte er süffisant, "ich bin schließlich ein Sonntagskind!"

Los, sag doch nochmal "Ei verbibscht!", dachte Her­bert.

"Ist noch was?" fragte Kevin, da Herbert in der Tür stand und ihn nicht vorbeiließ.

"Nein", beeilte Herbert sich zu sagen, "wieso?"

"Ja, dann lassen Sie mich doch mal durch, ei ver­bibscht!"

Da war’s! Herbert grinste breit.

Kevin sah dieses Grinsen und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, eine Antwort zu geben, die eine ohr­feigenähnliche Wirkung gehabt hätte.

Wütend stapfte er durch den Flur zur Treppe.

"Ey, Kev! Warte mal!" brüllte Gisbert Gregorius, der andere Student in der Kommission, hinter ihm her.

"Was denn?" fragte Kevin genervt, wartete aber dennoch. Gisbert war nicht unbedingt sein Fall, wie auch sonst kaum jemandes. Man mußte bei ihm immer genau aufpassen, was man sagte, denn er tratschte alles weiter, zumeist noch mit großartigen Ausschmückungen.

"Sach ma, wieso hat der Johansson dich denn so auf dem Kieker?" wollte Gisbert wissen.

"Weiß ich doch nicht", sagte Kevin verdrossen. "Warum fragst du ihn nicht selber?"

"Weißt du", stichelte Gisbert weiter, "der hat dich die ganze Zeit so komisch angeguckt, der will bestimmt was von dir …"

Jetzt platzte Kevin der Kragen.

"Hör mal, Gisi", fauchte er gefährlich leise, "warum steckst du nicht mal deine verdammte Schnüffelnase in deine eigenen Angelegenheiten? Da gibt’s doch sicher genug Schmutzwäsche zu waschen!"

"Oh-oh, sind wir aber heute empfindlich, was?", sagte Gisbert. "Trink ein Glas Milch, das beruhigt."

"Verpiß dich!!" zischte Kevin.



Am nächsten Morgen kam er zu spät zur 9-Uhr-Vor­lesung. Als er den Hörsaal betrat, fuhren alle Köpfe zu ihm herum, was nichts Unübliches war. Ungewöhnlich war allerdings, daß danach ein großes Getuschel einsetz­te und ihn immer wieder verstohlene Blicke trafen. In der Pause, als er sich einen Kaffee holen wollte, kam er nicht mal bis zur Tür. Seine Kommilitonen stürzten auf ihn ein und überhäuften ihn mit Fragen.

"Was hab ich gehört?" "Stimmt denn das?" "Der Jo­hansson ist hinter dir her?" "Armer Kerl, was willst du denn jetzt machen?"

Gisbert, dachte Kevin. Du Ratte, ich mach dich fertig. Wenn ich diese Geschichte glücklich überlebe, bist du fällig. Du wirst dich dein Lebtag nicht mehr am Fachbe­reich sehen lassen können, das schwöre ich dir.

"Hört mal", sagte er zu seinen Mitstudenten, "mir ist bisher noch nichts Derartiges aufgefallen. Warum fragt ihr nicht Herrn Johansson? Der müßte das doch wissen. Und jetzt laßt mich bitte durch, ich möchte mir gerne noch einen Kaffee holen."

Die anderen machten ihm Platz.

Als er in der Cafeteria die Schlange erblickte, verfluch­te er sich dafür, daß er seiner Kaffeesucht nachgegeben hatte. Die letzte Person in der Schlange war Gisbert.

"Moin, Gisi", sagte Kevin jovial.

Gisbert fiel die Tasse aus der Hand. Es gab jenes häßli­che Geräusch, das auf Fliesen fallendes Porzellan macht, nebst unerfreulicher Begleitumstände. Gisbert fluchte. Gut die Hälfte des heißen Kaffees hatte sich über seine Oberschenkel ergossen, wo sie ein interessantes Muster auf der weißen Hose bildete.

"Hier, hörnse ma, junger Mann", blaffte die Büffettlei­terin, "die Tasse bezahlnse aber jetzt ma dalli! Und den Kaffee sowieso, klar?"

"Ja", sagte Gisbert kleinlaut.

Kevin legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Tja, Gisi, damit steht’s eins-eins. Aber ich bin noch lange nicht fertig! Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten!" 

2007-02-11

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 1)

Ihr habt drauf gewartet, hier kommt es, Kapitel 1:

1
Prof. Dr. Herbert Johansson, Professor für Reine Ma­thematik, Prof. Dr. Rupert Schnell, Professor für ange­wandte Mathematik, und Kevin Schmieke-Heinrichs, Stu­dent der Mathematik im sechsten Semester, hatten je einen dicken Aktenordner vor sich. Schweigend blät­terten sie darin herum. Nach einigen Momenten der Stille ergriff Herbert das Wort.

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Ja, was ist denn?" Der Student klang ziemlich unwillig, weil er beim Blättern gestört wurde.

"Würden Sie uns bitte noch einen Kaffee kochen?"

"Noch ’ne Kanne? Kaffee ist nicht gesund, wissen Sie…"

"Machen Sie schon, kümmern Sie sich mal nicht um meine Gesundheit."

"Na, wenn denn mein Diplom und ihre Seligkeit davon abhängen", meinte Kevin zähneknirschend und stand auf. Herbert lächelte ihm zu, aber Rupert hob nicht ein­mal den Kopf.

Herbert seufzte und machte sich mit einem Seitenblick auf Rupert wieder an die Arbeit. Rupert war einfach durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er stand bereits kurz vor der Pensionierung und sah auch so aus. Auf sei­nem Kopf befanden sich nur noch wenige in Ehren ergraute Haare, und er wog bei einer Größe von einem Meter sechsundsiebzig fast zwei Zentner und war dementsprechend behäbig. Die Studenten mochten ihn, weil er gute Vorlesungen hielt und sie nicht schikanierte.

Herbert seufzte nochmal, als er daran dachte. Zu sagen, daß die Studenten ihn nicht mochten, wäre, gelinde gesagt, untertrieben. Bei den Vorlesungs­umfragen bekam er regelmäßig die schlechtesten Ergeb­nisse. Aber er wußte nicht, was er an seinem Konzept ändern sollte. Schließlich war ja eine Vorlesung deshalb eine Vorlesung, damit dort was vorgelesen wurde, und er hatte sich immer für die Bücher seines lieben Freundes Harro Heuser entschieden, weil da so schön viel drin stand und man dann viel in einem Semester schaffte.

Inzwischen hatte Kevin den Kaffee fertig gekocht und stellte die dampfende Kanne vor Herbert auf den Tisch.

"Da! Aber die nächste Kanne kann dann mal jemand anders kochen! Ei verbibscht!"

"Vielen Dank!" lächelte Herbert. Dieser Herr Schmie­ke-Heinrichs war wirklich ein Lichtblick. Nett, zuvorkom­mend, und außerdem sah er auch noch traumhaft aus. Er hatte große blaue Augen, halblange blonde Locken und, soweit Herbert beurteilen konnte, einen mega-durch­trainierten Körper. Seinen sächsischen Akzent fand Her­bert besonders anziehend. Besonders das "Ei, ver­bibscht!" fand er hinreißend, weshalb er jede sich bietende Gelegenheit nutzte, Kevin etwas zu ärgern. Dabei glitzerten dann seine Augen immer so lustig. Aber leider, die Arbeit erledigte sich nicht von selbst.

Ein Lehrstuhl war zu besetzen. Etwa 70 Kandidaten hatten sich beworben, und nur einer konnte berufen werden. Diesen einen zu finden, darum ging es jetzt. Herbert blätterte einigermaßen uninteressiert in den Ak­ten herum. Jedoch plötzlich erhellte sich seine Miene... Die Bewerbung eines jungen Herrn mit hervorragenden Zeugnissen und genau dem richtigen Arbeitsgebiet lag vor ihm. Was ihn aber wirklich elektrisierte, war das beiliegende Foto. Ludwig Reimer hieß der Bewerber und war gerade mal 35 Jahre alt, fünf Jahre jünger als Her­bert. Mit seinen kurzen tiefschwarzen Haaren und den diabolisch blickenden (so kam es Herbert jedenfalls vor) schwarzen Augen und dem warmen Lächeln hatte er Herbert im Sturm erobert. In diesem Moment fragte Rupert:

"Haben Sie die Bewerbung von Herrn Reimer schon gesehen, Herr Kollege?"

"Ja, macht einen guten Eindruck."

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Äh, der ist mir noch nicht untergekommen. Zeigen Sie doch bitte mal."

Zögernd und etwas ruppig gab Herbert Kevin die Un­terlagen. Nach einigen Minuten der Durchsicht sagte Ke­vin:

"Die Frau Hingenbrecht hat meines Erachtens bessere Qualifikationen."

"Aber der Reimer hat doch schon 73 tolle Veröffentli­chungen in den besten Zeitschriften."

"Die Frau Hingenbrecht hat aber schon 85 Arbeiten in noch besseren Zeitschriften veröffentlicht."

"So, woher wissen Sie denn, was eine gute Zeitschrift ist?" fragte Herbert spöttisch.

"Na ja, Sie erzählen doch immer, die Zeitschrift müssen wir unbedingt abonnieren, daß der Fachbereich die noch nicht hat, und so."

Herbert wurde rot. Es wäre ihm schon unangenehm gewesen, von einem gewöhnlichen Studenten bei einem Fauxpas erwischt zu werden, aber bei Kevin war das noch etwas ganz anderes. Am besten vergaß er das ganze und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Kevin knirschte mit den Zähnen. Dieser verdammte Jo­hansson war noch sein Tod. Immer schön korrekt, immer schön penibel und wahnsinnig pedantisch. Wehe, wenn mal die Tafel vor seiner Vorlesung nicht richtig geputzt wurde. Dann wurden aber sofort die Tafelpfleger und -pflegerinnen zur Schnecke gemacht. Das mit dem Kaf­feekochen vorhin, das war ja wohl der Gipfel. Wie seine Mitarbeiter das mit Johansson aushielten, wunderte Kevin immer wieder, und nicht nur ihn. Das konnte ja noch ein schönes Arbeiten in dieser Kommission geben. Immerhin war Kevin froh darüber, daß die anderen Johansson genauso wenig mochten wie er selbst.