2007-02-11

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 1)

Ihr habt drauf gewartet, hier kommt es, Kapitel 1:

1
Prof. Dr. Herbert Johansson, Professor für Reine Ma­thematik, Prof. Dr. Rupert Schnell, Professor für ange­wandte Mathematik, und Kevin Schmieke-Heinrichs, Stu­dent der Mathematik im sechsten Semester, hatten je einen dicken Aktenordner vor sich. Schweigend blät­terten sie darin herum. Nach einigen Momenten der Stille ergriff Herbert das Wort.

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Ja, was ist denn?" Der Student klang ziemlich unwillig, weil er beim Blättern gestört wurde.

"Würden Sie uns bitte noch einen Kaffee kochen?"

"Noch ’ne Kanne? Kaffee ist nicht gesund, wissen Sie…"

"Machen Sie schon, kümmern Sie sich mal nicht um meine Gesundheit."

"Na, wenn denn mein Diplom und ihre Seligkeit davon abhängen", meinte Kevin zähneknirschend und stand auf. Herbert lächelte ihm zu, aber Rupert hob nicht ein­mal den Kopf.

Herbert seufzte und machte sich mit einem Seitenblick auf Rupert wieder an die Arbeit. Rupert war einfach durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er stand bereits kurz vor der Pensionierung und sah auch so aus. Auf sei­nem Kopf befanden sich nur noch wenige in Ehren ergraute Haare, und er wog bei einer Größe von einem Meter sechsundsiebzig fast zwei Zentner und war dementsprechend behäbig. Die Studenten mochten ihn, weil er gute Vorlesungen hielt und sie nicht schikanierte.

Herbert seufzte nochmal, als er daran dachte. Zu sagen, daß die Studenten ihn nicht mochten, wäre, gelinde gesagt, untertrieben. Bei den Vorlesungs­umfragen bekam er regelmäßig die schlechtesten Ergeb­nisse. Aber er wußte nicht, was er an seinem Konzept ändern sollte. Schließlich war ja eine Vorlesung deshalb eine Vorlesung, damit dort was vorgelesen wurde, und er hatte sich immer für die Bücher seines lieben Freundes Harro Heuser entschieden, weil da so schön viel drin stand und man dann viel in einem Semester schaffte.

Inzwischen hatte Kevin den Kaffee fertig gekocht und stellte die dampfende Kanne vor Herbert auf den Tisch.

"Da! Aber die nächste Kanne kann dann mal jemand anders kochen! Ei verbibscht!"

"Vielen Dank!" lächelte Herbert. Dieser Herr Schmie­ke-Heinrichs war wirklich ein Lichtblick. Nett, zuvorkom­mend, und außerdem sah er auch noch traumhaft aus. Er hatte große blaue Augen, halblange blonde Locken und, soweit Herbert beurteilen konnte, einen mega-durch­trainierten Körper. Seinen sächsischen Akzent fand Her­bert besonders anziehend. Besonders das "Ei, ver­bibscht!" fand er hinreißend, weshalb er jede sich bietende Gelegenheit nutzte, Kevin etwas zu ärgern. Dabei glitzerten dann seine Augen immer so lustig. Aber leider, die Arbeit erledigte sich nicht von selbst.

Ein Lehrstuhl war zu besetzen. Etwa 70 Kandidaten hatten sich beworben, und nur einer konnte berufen werden. Diesen einen zu finden, darum ging es jetzt. Herbert blätterte einigermaßen uninteressiert in den Ak­ten herum. Jedoch plötzlich erhellte sich seine Miene... Die Bewerbung eines jungen Herrn mit hervorragenden Zeugnissen und genau dem richtigen Arbeitsgebiet lag vor ihm. Was ihn aber wirklich elektrisierte, war das beiliegende Foto. Ludwig Reimer hieß der Bewerber und war gerade mal 35 Jahre alt, fünf Jahre jünger als Her­bert. Mit seinen kurzen tiefschwarzen Haaren und den diabolisch blickenden (so kam es Herbert jedenfalls vor) schwarzen Augen und dem warmen Lächeln hatte er Herbert im Sturm erobert. In diesem Moment fragte Rupert:

"Haben Sie die Bewerbung von Herrn Reimer schon gesehen, Herr Kollege?"

"Ja, macht einen guten Eindruck."

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Äh, der ist mir noch nicht untergekommen. Zeigen Sie doch bitte mal."

Zögernd und etwas ruppig gab Herbert Kevin die Un­terlagen. Nach einigen Minuten der Durchsicht sagte Ke­vin:

"Die Frau Hingenbrecht hat meines Erachtens bessere Qualifikationen."

"Aber der Reimer hat doch schon 73 tolle Veröffentli­chungen in den besten Zeitschriften."

"Die Frau Hingenbrecht hat aber schon 85 Arbeiten in noch besseren Zeitschriften veröffentlicht."

"So, woher wissen Sie denn, was eine gute Zeitschrift ist?" fragte Herbert spöttisch.

"Na ja, Sie erzählen doch immer, die Zeitschrift müssen wir unbedingt abonnieren, daß der Fachbereich die noch nicht hat, und so."

Herbert wurde rot. Es wäre ihm schon unangenehm gewesen, von einem gewöhnlichen Studenten bei einem Fauxpas erwischt zu werden, aber bei Kevin war das noch etwas ganz anderes. Am besten vergaß er das ganze und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Kevin knirschte mit den Zähnen. Dieser verdammte Jo­hansson war noch sein Tod. Immer schön korrekt, immer schön penibel und wahnsinnig pedantisch. Wehe, wenn mal die Tafel vor seiner Vorlesung nicht richtig geputzt wurde. Dann wurden aber sofort die Tafelpfleger und -pflegerinnen zur Schnecke gemacht. Das mit dem Kaf­feekochen vorhin, das war ja wohl der Gipfel. Wie seine Mitarbeiter das mit Johansson aushielten, wunderte Kevin immer wieder, und nicht nur ihn. Das konnte ja noch ein schönes Arbeiten in dieser Kommission geben. Immerhin war Kevin froh darüber, daß die anderen Johansson genauso wenig mochten wie er selbst.

 

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