2007-02-16

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 2)

2
Herbert öffnete die Tür und stellte fest, daß schon alle da waren. Neben Kevin und Rupert waren das noch Paul Schlieberg, Hans-Georg Lindner und Maximilian Mei­erhoff, allesamt Mathematikprofessoren, der Physik­professor Leonhard Franzis, der wissenschaftliche Mit­arbeiter Claudius Strohalm und ein weiterer Student, dessen Namen Herbert entfallen war. Schlieberg eröff­nete die Sitzung.

"Guten Tag meine Herren. Nachdem wir ja alle vollzäh­lig versammelt sind, können wir ja anfangen. Ich nehme an, Sie haben sich alle ausgiebig die Unterlagen angese­hen, so daß wir jetzt die Kandidaten einzeln durchgehen können."

Mühsam wurde die Liste durchgearbeitet. Letztendlich konnte man sich auf acht Personen einigen, die einge­laden werden sollten. Unter ihnen war zu Herberts großer Freude auch Ludwig Reimer. Allerdings war auch ihm klar, daß Karin Hingenbrecht die absolute Favoriten auf diese Stelle sein würde.



"Na, Herr Schmieke-Heinrichs", sagte Herbert beim Rausgehen spöttisch zu Kevin, "da sind Ihre Wünsche wohl mal wieder in Erfüllung gegangen."

Kevin seufzte innerlich. Dieser Idiot!

"Natürlich", bemerkte er süffisant, "ich bin schließlich ein Sonntagskind!"

Los, sag doch nochmal "Ei verbibscht!", dachte Her­bert.

"Ist noch was?" fragte Kevin, da Herbert in der Tür stand und ihn nicht vorbeiließ.

"Nein", beeilte Herbert sich zu sagen, "wieso?"

"Ja, dann lassen Sie mich doch mal durch, ei ver­bibscht!"

Da war’s! Herbert grinste breit.

Kevin sah dieses Grinsen und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, eine Antwort zu geben, die eine ohr­feigenähnliche Wirkung gehabt hätte.

Wütend stapfte er durch den Flur zur Treppe.

"Ey, Kev! Warte mal!" brüllte Gisbert Gregorius, der andere Student in der Kommission, hinter ihm her.

"Was denn?" fragte Kevin genervt, wartete aber dennoch. Gisbert war nicht unbedingt sein Fall, wie auch sonst kaum jemandes. Man mußte bei ihm immer genau aufpassen, was man sagte, denn er tratschte alles weiter, zumeist noch mit großartigen Ausschmückungen.

"Sach ma, wieso hat der Johansson dich denn so auf dem Kieker?" wollte Gisbert wissen.

"Weiß ich doch nicht", sagte Kevin verdrossen. "Warum fragst du ihn nicht selber?"

"Weißt du", stichelte Gisbert weiter, "der hat dich die ganze Zeit so komisch angeguckt, der will bestimmt was von dir …"

Jetzt platzte Kevin der Kragen.

"Hör mal, Gisi", fauchte er gefährlich leise, "warum steckst du nicht mal deine verdammte Schnüffelnase in deine eigenen Angelegenheiten? Da gibt’s doch sicher genug Schmutzwäsche zu waschen!"

"Oh-oh, sind wir aber heute empfindlich, was?", sagte Gisbert. "Trink ein Glas Milch, das beruhigt."

"Verpiß dich!!" zischte Kevin.



Am nächsten Morgen kam er zu spät zur 9-Uhr-Vor­lesung. Als er den Hörsaal betrat, fuhren alle Köpfe zu ihm herum, was nichts Unübliches war. Ungewöhnlich war allerdings, daß danach ein großes Getuschel einsetz­te und ihn immer wieder verstohlene Blicke trafen. In der Pause, als er sich einen Kaffee holen wollte, kam er nicht mal bis zur Tür. Seine Kommilitonen stürzten auf ihn ein und überhäuften ihn mit Fragen.

"Was hab ich gehört?" "Stimmt denn das?" "Der Jo­hansson ist hinter dir her?" "Armer Kerl, was willst du denn jetzt machen?"

Gisbert, dachte Kevin. Du Ratte, ich mach dich fertig. Wenn ich diese Geschichte glücklich überlebe, bist du fällig. Du wirst dich dein Lebtag nicht mehr am Fachbe­reich sehen lassen können, das schwöre ich dir.

"Hört mal", sagte er zu seinen Mitstudenten, "mir ist bisher noch nichts Derartiges aufgefallen. Warum fragt ihr nicht Herrn Johansson? Der müßte das doch wissen. Und jetzt laßt mich bitte durch, ich möchte mir gerne noch einen Kaffee holen."

Die anderen machten ihm Platz.

Als er in der Cafeteria die Schlange erblickte, verfluch­te er sich dafür, daß er seiner Kaffeesucht nachgegeben hatte. Die letzte Person in der Schlange war Gisbert.

"Moin, Gisi", sagte Kevin jovial.

Gisbert fiel die Tasse aus der Hand. Es gab jenes häßli­che Geräusch, das auf Fliesen fallendes Porzellan macht, nebst unerfreulicher Begleitumstände. Gisbert fluchte. Gut die Hälfte des heißen Kaffees hatte sich über seine Oberschenkel ergossen, wo sie ein interessantes Muster auf der weißen Hose bildete.

"Hier, hörnse ma, junger Mann", blaffte die Büffettlei­terin, "die Tasse bezahlnse aber jetzt ma dalli! Und den Kaffee sowieso, klar?"

"Ja", sagte Gisbert kleinlaut.

Kevin legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Tja, Gisi, damit steht’s eins-eins. Aber ich bin noch lange nicht fertig! Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten!" 

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