2007-02-25

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 3)

Und wie versprochen gibt es diese Woche das dritte Kapitel. Übrigens wohl das meist soßige, oder so ähnlich...


3

"… tu dois savoir qu'après toi je ne pourrai plus vivre qu'en souvenir de toi" tönte ein fünfundzwanzig Jahre alter Schlager aus dem Radiowecker und riß Herbert aus dem Schlaf.
Er war innerlich am Fluchen, schließlich sang Vicky Le­andros, was er fühlte; und es schmerzte so sehr.
Sehnsüchtig erinnerte er sich an seine Jugendliebe, Ramón Gumpski, damals ein blendend aussehender Jüngling. Herbert verlor sich in Gedanken daran, wie er seine Finger durch Ramóns blonde Mähne streichen ließ. Er war immer so stolz darauf gewesen, solch einen ver­wegenen Mann als Freund zu haben. Es waren glückli­che Zeiten, bis Ramón ihn dann während des Studiums verließ. Jetzt war er ein gefeierter Volksmusiksänger.
Mit einem Aufstöhnen, das nicht nur von der Erinne­rung an Ramón herrührte, krümelte sich Herbert aus dem Bett. Er war im Laufe der Jahre einfach zu ungelen­kig geworden. Das allmorgendliche Ritual auf der Waage besserte seine Stimmung auch nicht. Schon wieder 53 Gramm zugelegt, und auf der traditionellen poly­nesischen Gebeinwaage sind das erschreckende 7 Teil­striche. Und eine Erinnerung mehr an Ramón, der seine romantische Vorliebe für Völkerkunde und Kakao zwar nicht geteilt hatte, jedoch jede Gelegenheit wahrgenom­men hatte, seinem Schoko-Bärchen eine Freude zu berei­ten. Als wäre es erst gestern geschehen, sah Herbert den Edlen Wilden vor sich, den Ramón so echt gespielt hatte, als er ihm diese Waage zum 22. Geburtstag schenkte.
Alles vorbei. Herbert sah ein, daß diese recherche aux temps perdus ihm Ramón niemals zurückbringen würde. Aber was sollte er nur machen? Er zog Bilanz, ungeach­tet der eben erkannten Erkenntnis. Was war ihm in diesem Leben geschenkt worden, außer einem feurigen Ex-Liebhaber, der zwar zugegebenermaßen knusprig ge­wesen war und es auch heute immer noch war, dessen Anblick Herbert aber bei jedem zufälligen Zapp mit der Fernbedienung außer Fassung brachte – um so mehr, als Ramón die Angewohnheit hatte, sich beim Singen mitun­ter bis auf den Tanga zu entblößen, was sein weibliches Publikum schier zur Raserei brachte? Zwei geldgierige Ehefrauen, ein Job, den er haßte und der ihn im gleichen Maße zurückhaßte, ein paar schnuckelige Sahneschnitt­chen, an die er ums Verrecken nicht herankam, und einen Haufen Kollegen, die ihn kreuzweise konnten.
Er war einfach fertig mit der Welt.

Schweißgebadet erwachte Kevin aus einem Alptraum – seinem Alptraum. Als ob die letzten Tage nicht genug ge­wesen wären. Das von seinem Kommilitonen Gisbert ge­streute Gerücht, der alte Johansson hätte es auf ihn abgesehen, war zum Selbstläufer geworden. Daß Jo­hansson es auf ihn abgesehen hatte, war eigentlich seit ihrem ersten heftigen Wortgefecht in Kevins erstem Se­mester klar, aber daß das alte Ekel es so auf ihn abgese­hen hätte, stand nicht auf dem Plan. Kevin fühlte sich to­tal beschissen. Selbst seine Freunde schauten ihn schief an und wurden plötzlich still, wenn er in den Raum kam. Sogar die Profs, die sonst nie etwas mitbekamen, schenkten ihm in ihren Seminaren ein mitleidiges Lä­cheln. Kein Wunder, daß Johansson und Gisi ihn sogar noch im Schlaf verfolgten.
Das Geräusch prasselnden Wassers in der Dusche hät­te ihn normalerweise allein schon aufgemuntert, doch nicht so heute. Die Rasur ließ er diesmal auch besser sein, er hatte sich schon gestern ein paar hübsche Schmisse dabei zugezogen. Und die Ringe unter den Augen waren sogar seinem sonst so weltfremden Mitbewohner Schorsch Löber (so stand es auf dem Klingelschild) aufgefallen.
"Wie soll ich diesen Tag bloß überstehen? Zwei Hammer-Vorlesungen und dann noch Kommissions­sitzung, vermutlich bis in die Nacht," fragte sich Kevin laut, als er in die karierten A&F-Boxershorts stieg, die ihm "Miss Betonfrisur", der Hausdrache des Fachbe­reichs, anläßlich des 10. Monatstages eines näheren Zu­sammentreffens überreicht hatte. Schon wieder so ein Tiefschlag, und dieses Abenteuer hätte ihn damals beina­he das Vordiplom gekostet.
Irgendwie schien Unheil ihn zu lieben.
Aber offenbar liebte er das Unheil auch zurück. Wie sonst war es zu erklären, daß er, als das Telefon durch die Wohnung schrillte, wie ferngesteuert aus der Dusche sprang und ans Telefon stürmte, wobei er sich im Laufen noch ein Handtuch um die Hüften wickelte, obwohl ihm doch eigentlich klar war, daß es nur wieder eine von sei­nen Verflossenen sein konnte. Zu allem Überfluß gewann er nur knapp den Wettlauf zum Telefon gegen seine grottenhäßliche Mitbewohnerin Kunigunde, Soziologin, die ihn für den schönsten Mann auf der Welt hielt und nichts lieber getan hätte, als ihre Unschuld an ihn zu ver­lieren.
Kunigunde zog ihm mit Blicken das Handtuch von den Hüften, warf ihm Schmachtblicke zu, auf denen sogar Roland Kaiser ausgerutscht wäre, murmelte "Oh du gött­licher Adonis, raube mir die Sinne", trollte sich aber dann nach einem Mörderblick doch wieder in ihr Zimmer, wo sie dann ihr Ohr fest gegen die Tür gepreßt hielt, um auch ja nichts von dem Gespräch zu verpassen.
Kevin nahm den Hörer ab, nuschelte "Gott sei Dank bin ich die los" und sagte "Schmieke-Heinrichs" in den Hö­rer.
"WEN bist du los?" keifte eine Frauenstimme aus dem Hörer, die Kunigunde hinter der Tür deutlich verstand, obwohl Kevin die Lautsprechertaste nicht aktiviert hatte. Kevin fuhr zusammen.
Friederike.
Oh verdammte Scheiße.
"Das geht dich überhaupt nichts an" antwortete Kevin kühl und automatisch. Er hatte sich angewöhnt, vollstän­dig zu blocken, wenn es um Frauen ging. Zu viele seiner "Verflossenen" hatten schon gegeneinander intrigiert, daß die Fetzen flogen. Und dabei war er eigentlich un­schuldig. Die Mädchen (ok, die Frauen) schienen auf ihn zu fliegen, wie die Bienen auf süßen Nektar. Er konnte sich wehren, wie er wollte, immer bekamen sie über­hand.
"Entschuldige bitte, aber …" begann Kevin etwas unbe­holfen. Friederike war keine seiner Verflossenen und sollte es auch nicht werden. Sie waren gerade dabei, so etwas wie eine Freundschaft aufzubauen. "…du kennst ja Kunigunde, meine entzückende Mitbewohnerin." Kuni­gunde erblaßte ob des giftig-süßen Tones dieser Worte hinter ihrer Zimmertüre.
"Wahrlich, ich hab ein paar Seminare mit ihr gehabt," entgegnete Friederike halbwegs versöhnlich. "Wie wär’s, Kev, wir machen heut abend was los? Kino, Kneipe, Kis­te." Friederike war hinreißend direkt.
"Liebend gerne, aber … nun, ich hab heut abend schon ein Date … mit Johansson, um genau zu sein." Kevin begann leicht hysterisch zu kichern, was am anderen Ende der Leitung durch ein schallendes, leicht dreckiges Lachen komplementiert wurde.
"Soso, ein Date mit Johansson. Man hört ja so eini­ges…"
"…und das allermeiste davon ist dummes Geschwätz!" sagte Kevin schnell. Das fehlte noch, daß Friederike jetzt auch noch diesem Gerücht aufsaß.
"Du kleiner Idiot, das weiß ich doch. Ihr habt wieder ’ne Sitzung von eurer komischen Kommission, oder?"
Kevin seufzte.
"Ganz genau. Und du glaubst gar nicht, wie wenig Lust ich d … - oh Gott, das glaub ich nicht!"
Kunigundes Zimmertür war aufgegangen, und heraus kam Kunigunde, angetan mit einem tief ausgeschnittenen Tigerbody, einem Mini, der knapp ihren Hintern bedeckte, und Pumps mit Pfennigabsätzen so hoch wie der Eiffelturm. Dazu hatte sie sich den gesammelten Inhalt ihres Make-up-Fachs ins Gesicht geschmiert. Kevin wußte gar nicht, daß sie ein Make-up-Fach hatte.
"Friederike, ich muß Schluß machen, ich erklärs dir später", sagte er hastig und legte auf.
"Mein Gott", sagte er zu Kunigunde, "was hast du denn vor? Hast du einen neuen Job?"
Leider war das genau der Moment, den das Handtuch um seine Hüften sich aussuchte, um zu Boden zu sinken.
Für mehrere Sekunden starrte Kevin Kunigunde nur peinlich berührt an, bevor er endlich auf den Gedanken kam, sein bestes Stück mit den Händen zu bedecken (auf den Gedanken, das Handtuch wieder aufzuheben, kam er nicht), natürlich viel zu spät. Sein Kopf war leergefegt. Diese Peinlichkeit würde er nicht überleben.
Kunigunde bekam Telleraugen. Dass der Vormittag eine so erfreuliche Wendung nehmen würde, hatte sie nicht erwartet.
"Um deine Frage zu beantworten: Dressed to kill, my Darling", säuselte sie, trat dicht vor ihn und platzierte ihre Hände auf seinen wohlgeformten Pobacken.
Kevin suchte verzweifelt nach einer Fluchtmöglichkeit. Aber es gibt nicht viele Rückzugsmöglichkeiten, wenn man einerseits von einer liebestollen Mitbewohnerin im Schwitzkasten gehalten wird und andererseits mit Rücksicht auf sensiblere Körperteile die Hände nicht frei hat.
"Kuni", stotterte er mit hochrotem Kopf, "komm, sei lieb, bitte nimm die Hände da weg."
Kunigunde lächelte – wie eine Schlange vorm Kaninchen.
"Fick mich", sagte sie.
"Wie bitte?!" rief Kevin verstört.
"Du hast mich doch genau verstanden, oder?"
Natürlich hatte er sie genau verstanden. Schon als sie aus ihrem Zimmer kam, hatte er gewußt, daß sie es drauf anlegte, von irgendwem vernascht zu werden. Aber mußte es ausgerechnet er sein?
Oh Himmel, konnte es denn noch schlimmer kommen?
Es konnte.
Kunigunde versuchte, ihre Zunge zwischen seine Zähne zu kriegen, was ihr weidlich gut gelang.
Kevin stand vollkommen neben sich. Das war ein Alptraum. Gleich würde er aufwachen. Was sollte er machen?
Schadensbegrenzung.
"Kuni hör auf!!!" brüllte er, aber es kam verständlicherweise als "U-I, ör au!" heraus. Dennoch hatte Kunigunde ihn offensichtlich verstanden, denn sie gab ihm die Gelegenheit, wieder artikuliert zu sprechen.
"Kuni, so geht das nicht", sagte er mit tiefem Luftholen. "Du bist die dilettantischste Küsserin, die auf meinen Lippen zu spüren ich jemals das Mißvergnügen hatte! Laß mal den Fachmann ran!"
"Ist nicht dein Ernst, oder?" fragte Kunigunde entgeistert.
"Doch! Da du mir ja unbedingt an die Wäsche willst, werd ich wenigstens versuchen, dir was beizubringen!"
"Du hast ja gar keine Wäsche an", schnurrte Kunigunde.
"Schnauze jetzt!" blaffte Kevin und preßte seinen Mund auf ihren.
Unter Kunigunde fing der Boden an, sich zu drehen.
Der Boden wäre allerdings schön an seinem Ort geblieben, hätte er gewußt, daß Kevin in diesem Moment die Augen fest zu hatte und in seiner Vorstellung mit Friederike rumknutschte. Und nur so war zu erklären, was er als nächstes tat.
Zuerst flog der Minirock auf den Boden, dann der Tigerbody gleich hinterher. Und schließlich sank Kevin mit Kunigunde in den Armen zu Boden, um dort das zu tun, worum sie ihn gebeten hatte.
Hier konnte er sich allerdings nicht mehr selbst belügen, denn Sex mit Friederike und Sex mit Kunigunde waren, milde gesagt, zwei verschiedene Dinge. Aber Kevin neigte nun mal dazu, die Dinge, die er angefangen hatte, zu Ende zu bringen, und wenn Kunigunde nun unbedingt von ihm beglückt werden wollte, bitte schön. Darauf kam’s jetzt auch nicht mehr an.
Erst als er den Schlüssel in der Tür hörte, ging ihm auf, was das möglicherweise für ein Fehler gewesen sein könnte.

* * *

"You can get it if you really want, but you must try, oh, you must try..." sang Gisbert laut, aber schräg.Schorsch hielt sich die Ohren zu. Auf offener Straße! Indigniert sah er Gisbert an.
"Is kein it, is ne she", brummelte er.
"Ach Herrgott, Schorschi, du bist echt ne trübe Tasse!" fauchte Gisbert.
"Ist ja schlimm genug, daß du ausgerechnet hinter Kunigunde her bist, aber daß du dich dann noch nicht mal traust, was zu sagen!!! Ich pack es nicht."
"Was sollichn ihrn sagen?" machte Schorsch.
"Dann sag ihr halt nichts und knutsch sie nieder, aber mach was, du Weichei!" blaffte Gisbert.
"Sollichn machn?" machte Schorsch. Gisbert gab es auf. Inzwischen standen sie ohnehin vor dem Haus, in dessen Dachgeschoß Schorsch sich mit Kevin, Kunigunde und Loretta eine Wohnung teilte. Loretta war transsexuell und hatte vorher Stan geheißen.
Schorsch schloß auf.
"Ist doch ganz einfach", sagte Gisbert beim Treppehochgehen. "Wenn wir oben sind, klopfst du an ihre Tür, und dann fragst du sie, ob sie heute abend mit dir einen trinken geht."
"Meinstu?" fragte Schorsch lahm.
"Ja, mein ich!" sagte Gisbert und fragte sich zum hundertsten Mal, warum er sich mit dieser Trantüte abgab.
"Na gut", sagte Schorsch und drehte den Schlüssel im Schloß der Wohnungstür. Das erste, was er sah, war Kunigunde, nackt, wie der Herrgott sie geschaffen hatte. Das war ja wie Ostern und Weihnachten zusammen. Aber dann sah er Kevin. Und stellte Zusammenhänge her. So dumm war nicht mal Schorsch. Irgendwie wußte sogar er, daß Kuni heute abend mit ihm wohl keinen trinken gehen würde.
"Kuni!!" schrie er voller Verzweiflung.
Das erste, was Gisbert sah, war Kevin, nackt, wie der Herrgott ihn geschaffen hatte, und dazu noch im Clinch mit Kunigunde. Das war wie Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Münchener Oktoberfest zusammen. Gisbert rieb sich die Hände. Wenn das erstmal am Fachbereich rum war...
Kevin sah einen glötzäugigen Schorsch und einen hämisch guckenden Gisi.
"Uaäöoih!!" krächzte er, bevor Kuni ihm wieder die Zunge in den Hals steckte.
"Kuni!!!!" kreischte Schorsch.
Schorsch, den sonst nichts aufregen konnte, nicht einmal der brennende Tannenbaum letztes Jahr zu Weihnachten, begann zu kochen. Das war einfach zuviel für ihn, die Frau seiner Träume, die er seit geraumer Zeit heimlich und heftig verehrte, in den Armen dieses gemeinen, ach-so-smarten Schönlings von Mitbewohner, den er sein eigen zu nennen die Ehre hatte. Ihr einer Göttin gleicher Körper entweiht durch ihn, der jeden Tag eine andere zu haben schien. Mit einem Hechtsprung stürzte er sich auf das Kevin-Kunigunde-Knäuel, riss an ihrem Arm und ging dem einmal mehr überwältigten Kevin an die Kehle. In dem entbrannten Ringen der beiden Studenten war kein Sieger auszumachen, es hätte wohl stundenlang so weiter gehen können.

"Bravo!" ertönte eine sonore Bassstimme. "Ihr feiert eine stilechte Toga-Party und ladet mich nicht ein." Die Blicke der drei Männer und einen Frau richteten sich nahzu synchron auf den Ursprung der Beschwerde. Eine atemberaubende Frau in einem schwarzen Hosenanzug mit scheinbar nicht enden wollenden Beinen, die in ob ihrer Höhe schwindelerregenden Stilettos ausliefen, lehnte im Rahmen der Küchentür.
"Loretta!" riefen ihre drei WG-Mitbewohner schockiert aus.
"Ja, ich glaube, das ist mein Name," entgegnete Loretta mit einem schelmischen Lächeln. "Und da ihr wisst, wo ich wohne, wäre es echt nett gewesen, mir Bescheid zu geben, wenn ihr – naja, zieht euch erst mal was über." Mit diesen Worten warf sie Kevin und Kunigunde jeweils ein Geschirrtuch zu, die auf magische Weise die schlimmsten Blößen bedeckten.
Während Schorsch sich langsam von Kevin losmachte und dabei den Blick nicht von Kunigunde wenden konnte, die nach Erhalt der Geschirrtücher sofort versuchte, des Schmieke-Henrichsen Geschirrtuchs habhaft zu werden, schaute sich dieser kopfschüttelnd in der Runde um und hatte plötzlich Mühe, nicht laut loszuprusten. Er wußte bereits in diesem Moment, daß diese Situation in der Liste der absurdesten Situationen seines Lebens für alle Zeiten auf Platz eins stehen würde. Und die Tatsache, daß Gisi Loretta praktisch mit den Augen auszog, machte es nicht besser. Oh mein Gott, Gisi. Der starrte Loretta an wie Adam seinerzeit Eva. Kevin konnte es förmlich "pling" machen hören. Sehr gut. Ein in Loretta verliebter Gisi würde ihm das Leben vielleicht ein bißchen leichter machen. Schorsch saß da wie ein Häuflein Elend und heulte sich die Augen aus dem Kopf. Da klingelte das Telefon. Jetzt war bei Kevin wirklich nichts mehr zu retten, er lag ausgestreckt auf dem Boden und lachte, daß sein Waschbrettbauch zitterte. Das Geschirrtuch hatte er längst Kuni überlassen. Da keiner der anderen Anstalten machte, den Hörer abzunehmen, schlurfte der immer noch heulende Schorsch zum Telefon.
"Löber?" krächzte er in den Hörer.
"Hi, hier ist nochmal Friederike. Ist der Kevin da?" kam es deutlich vernehmbar aus der Muschel. Schorsch warf Kevin einen Blick zu, der Unsterbliche niedergenietet hätte.
"Der kann jetzt nicht, der hat gerade Kunigunde vernascht", sagte er.
"Gut, Schorsch, wenn er jetzt damit fertig is, gipsu ihn mir mal ans Rohr. Und zwar instantan!"
"Ma'am, yes, Ma'am," war Schorschs kurze, aber knackige Antwort. Und vom vorletzten Pfadfindertreffen im australischen Outback, als Friederike seine Scharführerin war, wusste er es besser, als ihr zu widersprechen.
"Kev, beweg deinen Arsch und alles, was da dran hängt, hierher, Rike will dich sprechen." Seine Niedergeschlagenheit schien verpflogen, hier war eine wilde Horde von Girl & Boy Scouts, die in eine geordnete Schar fröhlicher, feiernder, glücklicher junger Menschen übergeführt werden wollte.
"Sachma, bist du eigentlich völlig übergeschnappt?" brüllte Friederike ins Telefon - für Kunigunde, Loretta, Gisi und Schorsch klar verständlich und für Kevin entschieden zu laut.
"Wasn los?" fragte Kevin, obwohl er natürlich genau wußte, was los war.
"Dein geistesschwacher Mitbewohner hat gerade gesagt, du hättest Kunigunde vernascht! Ist bei dir der Notstand ausgebrochen, oder was ist los?"
Schorsch wurde kreideweiß im Gesicht, als ihm klar wurde, daß mit dem geistesschwachen Mitbewohner niemand anders gemeint war als er selber. Wie konnte sie es wagen!
"Fritzi, sag mal, wofür hältst du mich eigentlich?" fragte Kevin.
"Für einen Arsch mit Ohren!" blaffte Friederike. "Und damit das klar ist, heute abend ist nix mit Kommission! Heute abend ist genau das, was ich dir vorhin vorgeschlagen habe! Kino, Kneipe, Kiste! Und wenn du den Namen Kunigunde auch nur denkst, kannst du was erleben!"
"Ich habe nicht die Absicht", sagte Kevin, schwitzend bei dem Gedanken, Gisi alleine in der Kommission sitzen zu lassen.
"Das will ich hoffen. Bis nachher", knurrte sie und schmiß den Hörer auf die Gabel.
Puh. Das war gerade nochmal gutgegangen.

* * *

Nur widerwillig wandte sich Friederike dem rasselartig klingelnden Fernsprecher zu und führte den Handapparat ans Ohr.
"Ja." Irgendwie war sie am Kochen.
"Hör mal Rike..."
"Stan!" rief sie entspannt aus. Es war ihr immer eine Freude mit ihrem Schwager zu sprechen, der so gar nicht in Ihre Familie und zu seiner Frau Marsha passte.
"Loretta, bitte, falls Du das noch immer nicht mitgekriegt hast."
"Du weißt, ich kann mich einfach nicht daran gewöhnen, und schon gar nicht dass ich jetzt statt ner Schwester nen Bruder hab. Pah! Donatus! Was für ein Name!"
"Marsha hat schon immer nen kleinen Hau weg gehabt, sonst hätt ich sie ja nicht geehelicht. Aber was anderes: Was machst Du den armen Kevin so fertig? Wenn der nicht gleich einen von meinen Cocktails eingeflößt bekommt und betüdelt wird, hab ich bald die Wohnung für mich alleine."
"Häh? Die drei ziehen aus? Ich bin ein bisserl außer Tritt."
"Guckst Du an mein WähGäh, is das normall. Wie wär's, wir sprengen dem Kevin seine Kommissionssitzung heut abend, ..."
"Liebend gerne," entgegnete Friederike, "die ham ein wenig Spass verdient."
"...und Du hilfst mir, ein paar Intrigen zu spinnen? Strafe muss sein." Wozu man wissen musste, dass Loretta oft Nachtschichten machte.

2007-02-16

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 2)

2
Herbert öffnete die Tür und stellte fest, daß schon alle da waren. Neben Kevin und Rupert waren das noch Paul Schlieberg, Hans-Georg Lindner und Maximilian Mei­erhoff, allesamt Mathematikprofessoren, der Physik­professor Leonhard Franzis, der wissenschaftliche Mit­arbeiter Claudius Strohalm und ein weiterer Student, dessen Namen Herbert entfallen war. Schlieberg eröff­nete die Sitzung.

"Guten Tag meine Herren. Nachdem wir ja alle vollzäh­lig versammelt sind, können wir ja anfangen. Ich nehme an, Sie haben sich alle ausgiebig die Unterlagen angese­hen, so daß wir jetzt die Kandidaten einzeln durchgehen können."

Mühsam wurde die Liste durchgearbeitet. Letztendlich konnte man sich auf acht Personen einigen, die einge­laden werden sollten. Unter ihnen war zu Herberts großer Freude auch Ludwig Reimer. Allerdings war auch ihm klar, daß Karin Hingenbrecht die absolute Favoriten auf diese Stelle sein würde.



"Na, Herr Schmieke-Heinrichs", sagte Herbert beim Rausgehen spöttisch zu Kevin, "da sind Ihre Wünsche wohl mal wieder in Erfüllung gegangen."

Kevin seufzte innerlich. Dieser Idiot!

"Natürlich", bemerkte er süffisant, "ich bin schließlich ein Sonntagskind!"

Los, sag doch nochmal "Ei verbibscht!", dachte Her­bert.

"Ist noch was?" fragte Kevin, da Herbert in der Tür stand und ihn nicht vorbeiließ.

"Nein", beeilte Herbert sich zu sagen, "wieso?"

"Ja, dann lassen Sie mich doch mal durch, ei ver­bibscht!"

Da war’s! Herbert grinste breit.

Kevin sah dieses Grinsen und konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, eine Antwort zu geben, die eine ohr­feigenähnliche Wirkung gehabt hätte.

Wütend stapfte er durch den Flur zur Treppe.

"Ey, Kev! Warte mal!" brüllte Gisbert Gregorius, der andere Student in der Kommission, hinter ihm her.

"Was denn?" fragte Kevin genervt, wartete aber dennoch. Gisbert war nicht unbedingt sein Fall, wie auch sonst kaum jemandes. Man mußte bei ihm immer genau aufpassen, was man sagte, denn er tratschte alles weiter, zumeist noch mit großartigen Ausschmückungen.

"Sach ma, wieso hat der Johansson dich denn so auf dem Kieker?" wollte Gisbert wissen.

"Weiß ich doch nicht", sagte Kevin verdrossen. "Warum fragst du ihn nicht selber?"

"Weißt du", stichelte Gisbert weiter, "der hat dich die ganze Zeit so komisch angeguckt, der will bestimmt was von dir …"

Jetzt platzte Kevin der Kragen.

"Hör mal, Gisi", fauchte er gefährlich leise, "warum steckst du nicht mal deine verdammte Schnüffelnase in deine eigenen Angelegenheiten? Da gibt’s doch sicher genug Schmutzwäsche zu waschen!"

"Oh-oh, sind wir aber heute empfindlich, was?", sagte Gisbert. "Trink ein Glas Milch, das beruhigt."

"Verpiß dich!!" zischte Kevin.



Am nächsten Morgen kam er zu spät zur 9-Uhr-Vor­lesung. Als er den Hörsaal betrat, fuhren alle Köpfe zu ihm herum, was nichts Unübliches war. Ungewöhnlich war allerdings, daß danach ein großes Getuschel einsetz­te und ihn immer wieder verstohlene Blicke trafen. In der Pause, als er sich einen Kaffee holen wollte, kam er nicht mal bis zur Tür. Seine Kommilitonen stürzten auf ihn ein und überhäuften ihn mit Fragen.

"Was hab ich gehört?" "Stimmt denn das?" "Der Jo­hansson ist hinter dir her?" "Armer Kerl, was willst du denn jetzt machen?"

Gisbert, dachte Kevin. Du Ratte, ich mach dich fertig. Wenn ich diese Geschichte glücklich überlebe, bist du fällig. Du wirst dich dein Lebtag nicht mehr am Fachbe­reich sehen lassen können, das schwöre ich dir.

"Hört mal", sagte er zu seinen Mitstudenten, "mir ist bisher noch nichts Derartiges aufgefallen. Warum fragt ihr nicht Herrn Johansson? Der müßte das doch wissen. Und jetzt laßt mich bitte durch, ich möchte mir gerne noch einen Kaffee holen."

Die anderen machten ihm Platz.

Als er in der Cafeteria die Schlange erblickte, verfluch­te er sich dafür, daß er seiner Kaffeesucht nachgegeben hatte. Die letzte Person in der Schlange war Gisbert.

"Moin, Gisi", sagte Kevin jovial.

Gisbert fiel die Tasse aus der Hand. Es gab jenes häßli­che Geräusch, das auf Fliesen fallendes Porzellan macht, nebst unerfreulicher Begleitumstände. Gisbert fluchte. Gut die Hälfte des heißen Kaffees hatte sich über seine Oberschenkel ergossen, wo sie ein interessantes Muster auf der weißen Hose bildete.

"Hier, hörnse ma, junger Mann", blaffte die Büffettlei­terin, "die Tasse bezahlnse aber jetzt ma dalli! Und den Kaffee sowieso, klar?"

"Ja", sagte Gisbert kleinlaut.

Kevin legte ihm die Hand auf die Schulter.

"Tja, Gisi, damit steht’s eins-eins. Aber ich bin noch lange nicht fertig! Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten!" 

2007-02-11

Ich bin glücklich <=> Du bist da (Kap. 1)

Ihr habt drauf gewartet, hier kommt es, Kapitel 1:

1
Prof. Dr. Herbert Johansson, Professor für Reine Ma­thematik, Prof. Dr. Rupert Schnell, Professor für ange­wandte Mathematik, und Kevin Schmieke-Heinrichs, Stu­dent der Mathematik im sechsten Semester, hatten je einen dicken Aktenordner vor sich. Schweigend blät­terten sie darin herum. Nach einigen Momenten der Stille ergriff Herbert das Wort.

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Ja, was ist denn?" Der Student klang ziemlich unwillig, weil er beim Blättern gestört wurde.

"Würden Sie uns bitte noch einen Kaffee kochen?"

"Noch ’ne Kanne? Kaffee ist nicht gesund, wissen Sie…"

"Machen Sie schon, kümmern Sie sich mal nicht um meine Gesundheit."

"Na, wenn denn mein Diplom und ihre Seligkeit davon abhängen", meinte Kevin zähneknirschend und stand auf. Herbert lächelte ihm zu, aber Rupert hob nicht ein­mal den Kopf.

Herbert seufzte und machte sich mit einem Seitenblick auf Rupert wieder an die Arbeit. Rupert war einfach durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er stand bereits kurz vor der Pensionierung und sah auch so aus. Auf sei­nem Kopf befanden sich nur noch wenige in Ehren ergraute Haare, und er wog bei einer Größe von einem Meter sechsundsiebzig fast zwei Zentner und war dementsprechend behäbig. Die Studenten mochten ihn, weil er gute Vorlesungen hielt und sie nicht schikanierte.

Herbert seufzte nochmal, als er daran dachte. Zu sagen, daß die Studenten ihn nicht mochten, wäre, gelinde gesagt, untertrieben. Bei den Vorlesungs­umfragen bekam er regelmäßig die schlechtesten Ergeb­nisse. Aber er wußte nicht, was er an seinem Konzept ändern sollte. Schließlich war ja eine Vorlesung deshalb eine Vorlesung, damit dort was vorgelesen wurde, und er hatte sich immer für die Bücher seines lieben Freundes Harro Heuser entschieden, weil da so schön viel drin stand und man dann viel in einem Semester schaffte.

Inzwischen hatte Kevin den Kaffee fertig gekocht und stellte die dampfende Kanne vor Herbert auf den Tisch.

"Da! Aber die nächste Kanne kann dann mal jemand anders kochen! Ei verbibscht!"

"Vielen Dank!" lächelte Herbert. Dieser Herr Schmie­ke-Heinrichs war wirklich ein Lichtblick. Nett, zuvorkom­mend, und außerdem sah er auch noch traumhaft aus. Er hatte große blaue Augen, halblange blonde Locken und, soweit Herbert beurteilen konnte, einen mega-durch­trainierten Körper. Seinen sächsischen Akzent fand Her­bert besonders anziehend. Besonders das "Ei, ver­bibscht!" fand er hinreißend, weshalb er jede sich bietende Gelegenheit nutzte, Kevin etwas zu ärgern. Dabei glitzerten dann seine Augen immer so lustig. Aber leider, die Arbeit erledigte sich nicht von selbst.

Ein Lehrstuhl war zu besetzen. Etwa 70 Kandidaten hatten sich beworben, und nur einer konnte berufen werden. Diesen einen zu finden, darum ging es jetzt. Herbert blätterte einigermaßen uninteressiert in den Ak­ten herum. Jedoch plötzlich erhellte sich seine Miene... Die Bewerbung eines jungen Herrn mit hervorragenden Zeugnissen und genau dem richtigen Arbeitsgebiet lag vor ihm. Was ihn aber wirklich elektrisierte, war das beiliegende Foto. Ludwig Reimer hieß der Bewerber und war gerade mal 35 Jahre alt, fünf Jahre jünger als Her­bert. Mit seinen kurzen tiefschwarzen Haaren und den diabolisch blickenden (so kam es Herbert jedenfalls vor) schwarzen Augen und dem warmen Lächeln hatte er Herbert im Sturm erobert. In diesem Moment fragte Rupert:

"Haben Sie die Bewerbung von Herrn Reimer schon gesehen, Herr Kollege?"

"Ja, macht einen guten Eindruck."

"Herr Schmieke-Heinrichs?"

"Äh, der ist mir noch nicht untergekommen. Zeigen Sie doch bitte mal."

Zögernd und etwas ruppig gab Herbert Kevin die Un­terlagen. Nach einigen Minuten der Durchsicht sagte Ke­vin:

"Die Frau Hingenbrecht hat meines Erachtens bessere Qualifikationen."

"Aber der Reimer hat doch schon 73 tolle Veröffentli­chungen in den besten Zeitschriften."

"Die Frau Hingenbrecht hat aber schon 85 Arbeiten in noch besseren Zeitschriften veröffentlicht."

"So, woher wissen Sie denn, was eine gute Zeitschrift ist?" fragte Herbert spöttisch.

"Na ja, Sie erzählen doch immer, die Zeitschrift müssen wir unbedingt abonnieren, daß der Fachbereich die noch nicht hat, und so."

Herbert wurde rot. Es wäre ihm schon unangenehm gewesen, von einem gewöhnlichen Studenten bei einem Fauxpas erwischt zu werden, aber bei Kevin war das noch etwas ganz anderes. Am besten vergaß er das ganze und konzentrierte sich wieder auf seine Arbeit.

Kevin knirschte mit den Zähnen. Dieser verdammte Jo­hansson war noch sein Tod. Immer schön korrekt, immer schön penibel und wahnsinnig pedantisch. Wehe, wenn mal die Tafel vor seiner Vorlesung nicht richtig geputzt wurde. Dann wurden aber sofort die Tafelpfleger und -pflegerinnen zur Schnecke gemacht. Das mit dem Kaf­feekochen vorhin, das war ja wohl der Gipfel. Wie seine Mitarbeiter das mit Johansson aushielten, wunderte Kevin immer wieder, und nicht nur ihn. Das konnte ja noch ein schönes Arbeiten in dieser Kommission geben. Immerhin war Kevin froh darüber, daß die anderen Johansson genauso wenig mochten wie er selbst.

 

Die Opern-Seife kommt!!!

Hach, Kinder, es wird Zeit. Wer wollte, konnte beim  Orchideen-Verlag schon seit geraumer Zeit lesen, was ich zusammen mit der Göttlichen Tamara Fabian verfassen durfte. Nun möchte ich Euch
unsere Opernseife Ich bin glücklich genaudannwenn Du bist da auch hier zugänglich machen. Natürlich, wie es sich für eine Seifenoper gehört, nur häppchenweise. Also zunächst einmal das erste Kapitel, später mehr. In der Folge werde ich dann unsere Ein- und Ausfälle, wie sie kommen, hier bereitstellen. Die Druckvorlage bei non volio wird Kapitel für Kapitel ergänzt.